Vom Musterprofi zum Berater

Vom Musterprofi zum Berater


Die Erinnerung wirkt grotesk – so kurz nach dem Abstieg des VfL Wolfsburg aus der Fußball-Bundesliga. Am 23. Mai 2009, 17 Jahre vor dem Relegations-GAU von Paderborn, feierte die 120.000-Einwohner-Stadt die größte Party, die es in der Autometropole jemals gab. 50.000 Fans tanzten auf den Straßen und jubelten dem deutschen Fußball-Meister VfL zu.

Der Volkswagen-Konzern veredelte den Titel auf seine Weise. Beim Autokorso kamen Cabrios zum Einsatz – klar. Aber was für welche: Die Mannschaft wurde im Bugatti Veyron chauffiert. Jedes Modell kostete über eine Million Euro. Im Nobelschlitten, der die Kolonne anführte, saßen VW-Chef Martin Winterkorn, der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch, Trainer Felix Magath und Torjäger Edin Dzeko. Der Dzeko, der mit Bosnien-Herzegowina die Italiener rausgekegelt hat und im Neuer-Alter von 40 Jahren bei der WM aufläuft.

Sascha Riether hatte beim Triumphzug den gleichen Platz wie auf dem Rasen – im Mittelfeld. Aus dem Bugatti telefonierte er mit seinem Vater in Lahr-Kuhbach. Während Mutter Rita und Bruder Carsten das entscheidende 5:1 gegen Bremen im Stadion erlebten, verschanzte sich Kripo-Hauptkommissar Harald Riether im Wohnzimmer. „Er möchte das nicht zugeben, aber es war zu spannend für ihn“, sagt sein Sohn.

Szenenwechsel, der ein Seitenwechsel ist. Heute lebt Sascha Riether mit seiner Frau Sarah und den Töchtern Sophia und Leni in Köln. Von dort aus arbeitet er auch. Als Spielerberater ist er Teil der Agentur „Sports360“ von Volker Struth. Der gehört zu den Riesen in der Branche, entwickelte früh einen genialen Geschäftssinn und machte seine erste Million mit dem Vertrieb von Bürobedarf und Fanartikeln sowie als Volksfestveranstalter. Dann setzte ihm sein väterlicher Freund Reiner Calmund den Floh ins Ohr, Spielerberater zu werden.

Struth transferierte nach der WM 2014 Toni Kroos vorbei an Uli Hoeneß vom FC Bayern zu Real Madrid. Zur aktuellen Klientel zählen Bundestrainer Julian Nagelsmann, Mario Götze und Dajot Upamecano.

Für Klein-Sascha war das Kicken alternativlos. Schon mit vier rannte er dem Ball hinterher und damit seinem Bruder Carsten und dem Papa, der seine Jungs beim FV Kuhbach coachte. Grundschullehrerin Gudrun Grafe erkannte bereits, was Sascha bis in die Nationalelf brachte: „Der Junge ist zielstrebig und leistungsorientiert.“

Das Riether-Trio wanderte zum Offenburger FV, wo Vater Harald im Finale des südbadischen C-Jugendpokals gegen Christian Streich und den SC Freiburg triumphierte. Bei diesem SC Freiburg schaffte Sascha später den Sprung in die Zweite Liga, wurde mit der deutschen U19 Vizeeuropameister und stieg unter Trainer Volker Finke in die Bundesliga auf. Als dessen Ära 2007 endete, klingelte Riethers Handy. Unbekannte Nummer. Es rauschte in der Leitung. Dann hörte er ein „Hallo …“

Die Stimme am anderen Ende sagte: „Hier ist Felix Magath.“ Riether zögerte, weil er dachte: Da will mich jemand veräppeln. Dann sagte Magath: „Hallo Sascha, hast du Angst vor mir?“ Das war das Erste, was der Trainer, Sportdirektor und Geschäftsführer des VfL Wolfsburg fragte.

So begann der Karrieresprung. Den Vertrag handelte Papa Riether aus. Ein mutiger Schritt: Sascha gab die Nestwärme auf und unterwarf sich dem System Magath. Das hieß: Drill, Psycho-Spielchen, Machtdemonstrationen. „Wenn Magath kommt, steht jeder stramm“, sagt Sascha, „wenn der einen Raum betritt, sagt keiner mehr was.“

Riether ertrug das mit einer Mischung aus Intelligenz, Gelassenheit und Demut, die ihm im Verbund mit Spielgeschick und enormer Physis bald den Ruf eines Musterprofis eintrug. Der Lohn: Er wurde Stammspieler, setzte sich auf der rechten Außenbahn gegen prominente Konkurrenz wie Italiens Weltmeister Cristian Zacardo durch und war 2009 Teil der Meistermannschaft, die eine Schwäche des FC Bayern zur großen Sensation nutzte. Einzige Schwäche von Sascha Riether an diesem Tag: Beim Versuch, Magath eine Bierdusche zu verpassen, rutschte der pfeilschnelle Kuhbacher auf dem mit Konfetti übersäten Rasen aus und landete auf dem Hosenboden.

Danach war Magath beim VfL Geschichte, doch Riether schrieb seine Erfolgsstory fort: Champions League im Old Trafford in Manchester, zwei Länderspiele nach der WM 2010 und das legendäre Kabinenfoto in Berlin mit Mesut Özil und Kanzlerin Merkel.

In Wolfsburg nannten sie ihn „Herbie“ – in Anlehnung an den gleichnamigen Volkswagen im Kinofilm „Ein toller Käfer“. Immer häufiger meldeten sich Spielerberater. Nach sorgfältigem Überlegen ließ sich Riether auf Volker Struth ein. Eine Liaison, die sein Leben prägen sollte.

Dieser Struth tütete ihn 2015 beim 1. FC Köln ein, was auch damit zu tun hatte, dass dessen Sportdirektor Volker Finke hieß. Doch es lief nicht am Rhein. Die Saison begann mit einem 0:3 gegen Wolfsburg und endete mit dem Abstieg.

Riether wurde in die Premier League zum FC Fulham verliehen. Eine andere Welt. Beim Anblick des Frühstückbuffets traf ihn fast der Schlag: „Die haben sich morgens Schnitzel mit Bohnen reingezogen.“ Aber die Weltstadt an der Themse zog ihn in den Bann: Die Olympischen Spiele 2012 live zu sehen, dazu Tennis in Wimbledon.

Und überhaupt: „Der kleine Junge aus Kuhbach – plötzlich spielt er in der Weltstadt London und wohnt in einer der größten Metropolen“, staunte Riether über sich selbst. Auch bei Fulham war er auf Anhieb Stammspieler. Aus „Herbie“ wurde „The Machine“.

Über die Stationen SC Freiburg und Schalke 04 beendete Riether am 9. Mai 2019 im Alter von 36 Jahren seine Profilaufbahn. Die Arena verabschiedete ihn mit Standing Ovations.

Sascha wechselte nahtlos die Seiten, wurde Teammanager und bastelte fleißig an der zweiten Karriere. Das hieß: Lehrgänge für Trainerscheine sowie beim DFB und der DFL das Zertifikat „Management im Profifußball“ erwerben. Das war die Lizenz zum Sportdirektor in der Ersten oder Zweiten Liga. An Angeboten fehlte es nicht. Doch Riether entschied sich ein zweites Mal für Volker Struth.

Im Januar 2023 stieg er in dessen Agentur ein. Dort nützte ihm sein Netzwerk, das er in 16 Jahren Profifußball geknüpft hatte. Ab sofort hieß es: „Spieler scouten, viele Menschen treffen, Informationen sammeln.“ Wichtig zu wissen: „Was für Spieler suchen die Vereine? Auf welchen Positionen wollen sie sich verstärken? Oder welche Spieler möchten sie loswerden?“

Kaderplaner einerseits, Eltern und Familie andererseits sind wichtige Partner. Was zählt, sind Image und Seriosität. Letzten Sommer stemmte Riether seinen ersten großen Transfer: Hollands U21-Nationalspieler Ezechiel Banzuzi brachte er für 15 Millionen Euro Ablöse in Leipzig unter.

Jüngst gab es von der Säbener Straße Kritik am Einfluss der Spielerberater. Von Rattenrennen war die Rede. Die Bayern forderten eine Begrenzung des Beraterhonorars auf fünf Prozent vom Jahresgehalt des Spielers. Auf solche Vorwürfe reagiert Riether mit der ihm eigenen Gelassenheit. „Ich finde Uli Hoeneß sympathisch. Der haut immer mal einen Spruch raus. Außerdem hat der Sohn von Rummenigge selbst eine Berateragentur.“

Riether weiß, seine Branche hat nicht den besten Ruf. Aber den Einfluss auf Vereinspolitik lehnt er ab. Er will eine positive Figur in dem harten Geschäft sein. „Es gibt auch Berater, die bei den Vereinen willkommen sind, weil sie keine falschen Geschäfte machen.“

Generell bedeutet sein Job: pausenlos unterwegs sein, mit dem Flieger, der Bahn oder dem Auto. Für die Eltern in Kuhbach bleibt wenig Zeit. Genauso für Professor Doktor Carsten Riether. Der drei Jahre ältere Bruder musste wegen Knieverletzungen früh mit dem Kicken aufhören und ist in der Schweiz einer der führenden Krebsspezialisten.

Carsten forscht, Sascha berät. In beiden Fällen bürgt der Name Riether für Qualität.

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