Hollywood für Singles

Hollywood für Singles

Es war im Juni 1987. Donnerstags hingen die Bundesligahandballer des TuS Hofweier nach dem Training im „TuS-Treff“ ab. Das Team nach Arno Ehret – um den jugoslawischen Weltmeister Jovica Elezovic, Reiner Bauert und Wolfgang Winter. Plötzlich stand der Grünschnabel der Truppe auf, bat um Ruhe und gab mit fester Stimme bekannt: „Ich bin nächstes Jahr nicht mehr da. Ich gehe nach Dormagen.“

Thomas Schulz, 21 damals, blickte in erstaunte Gesichter. Und es war mucksmäuschenstill.

Was ihm einen kleinen Triumph verschaffte. Denn er traute sich etwas, womit keiner von denen gerechnet hatte. Es war die zweite einer Reihe von mutigen Entscheidungen, die Schulz in seinem Leben traf.

Jetzt hieß es: raus aus der Komfortzone, aus dem behüteten Nest einer Hofweierer Handballfamilie. Vater Josef, wegen seines Heißhungers auf Schäufele auch als „Schiefeli-Sepp“ bekannt, war eine Feldhandballgröße, Dietmar Isen, Alt-Abteilungsleiter des TuS, der Onkel und Roland Birnbreier, 1979 Vizemeister mit Hofweier, der Schwager.

Klein-Schulz hatte keine Wahl: Handball war sein Schicksal. Und er griff zu – auf seine Weise. Stets mit einem Hang für die Galerie: Trickwürfe, Kunstschüsse, Heber, Leger und Dreher, das gesamte Repertoire.

Als Mircea Costache, Auswahltrainer der südbadischen Jugend, in Hofweier auf der Tribüne saß, haute Thomas Schulz den rumänischen Weltmeister von 1961 ungeniert an: „Warum bin ich nie bei einem Lehrgang dabei?“

„Ich wundere mich auch“, antwortete Costache. Und Schulz, damals schon mutig, fragte: „Darf ich kommen?“

Er durfte. Obwohl der Großmeister ihn gerne auf der Spielmacherposition gesehen hätte, blieb Schulz Linksaußen wie sein Vorbild Arno Ehret.

Der holte ihn in den Bundesligakader. Als Ehret nach Dissonanzen mit Obmann Robert Ruder zum TuS Schutterwald gewechselt war, gab es ein stallinternes Problem: Reiner Bauert, ebenfalls aus Hofweier, hatte Ehret auf Linksaußen beerbt. Er war ein Gegenentwurf zu Schulz: gallig, schnörkellos, mit dem Kopf durch die Wand.

Erst als Bauert 1987 bei der B-WM in Südtirol war, gelang Schulz mit überzeugenden Testspielauftritten der Durchbruch bei Trainer Sead Hasanefendic. Im Derby gegen Schutterwald stand er in der Startformation, Bauert schmollte auf der Bank.

Bei der Vorbereitung auf die Militär-WM lernte Schulz den Dormagener Abwehrstrategen Rüdiger Rüber kennen. Der heutige Sportchef dieser Zeitung ließ nichts anbrennen: „Was machst du nächste Saison?“ Schulz sagte: „Keine Ahnung, mit mir hat vom TuS noch niemand gesprochen, wie es weitergeht.“

Er fühlte sich nicht gesehen. „Die haben gedacht: Im Grunde kannst du froh sein, dass du hier spielen darfst.“ Also zog er die Konsequenz.

Was ein Sprung ins eiskalte Wasser war. Dormagen am Niederrhein: Kleinstadtniveau, ein von der Bayer AG unterstützter Bundesligaaufsteiger mit Startrainer Petre Ivanescu. „Ein harter Hund“, wie Schulz wusste.

Der Anfang war herb. Abends floss manche Träne in der kleinen Wohnung. Kein Umfeld. Und der Druck. „Druck, den du dir auch selbst machst, weil du den Leuten zu Hause beweisen willst, dass du es schaffst.“

Doch Thomas Schulz biss sich durch und hatte bald einen neuen Spitznamen. Den verdankte er seiner Baggerseebräune und der Goldkette, die er sich bei der Militär-WM in Saudi-Arabien geleistet hatte. „Bist du wie Hollywood“, sagte Vlado Vukoje, der wurfgewaltige Boss im Team.

Schulz schaffte es bis in die Nationalmannschaft. Dort freundete er sich mit Rechtsaußen Bernd Roos an. Und der lotste ihn nach vier Jahren zum TV Großwallstadt. Großer Name. Viel Tradition. Und es roch wieder nach Heimat: Weinberge, ländliche Umgebung am Untermain.

Längst dachte Schulz zweigleisig. Der Ausbildung zum Industriekaufmann bei der Bayer AG ließ er ein Volontariat im Funkhaus Aschaffenburg folgen. Dort war der Sitz von "Radio Primavera“. In dieser Zeit schossen die Privatradios wie Pilze aus dem Boden.

Doch „Hollywood“ ging nicht auf Sendung, vielmehr entdeckte er sein Talent für Radiospots. Schon mit 27 beendete er das Kapitel Bundesliga und wurde Spielertrainer des Oberligisten SG Neckarsulm. Parallel arbeitete er bei einem Sponsor in der Immobilienbranche. Doch die cholerische Art seines Chefs schlug ihm auf den Magen.

Schulz schloss sich einer Werbeagentur an, die sich um neue Medien kümmerte. Dort roch er den Braten und sicherte sich sehr früh mehrere Domains wie badischer-weinhandel.de, michael-schumacher.de, huetten.de oder singlereisen.de. Das kostete Geld, war aber eine gute Wette auf die Zukunft. „Mein Bauchgefühl sagte: Mach das!“

Als der Handball ad acta gelegt war, zog Schulz 1998 mit seiner damaligen Freundin Nina Schad, die er bei „Radio Primavera“ kennengelernt hatte, nach Offenburg. Sie wurde Chefin bei „Radio Ohr“, auch er landete bei Reiff Medien, als Leiter von "Baden online".

Parallel betrieb er einen Onlinehandel mit badischem Wein, den er später verkaufte. Dann öffnete sich die Tür zum Digitalbereich des Burda-Konzerns. Acht Jahre lang durfte er probieren und sich austoben – speziell im Bereich Online-Lotto. Vorübergehend holte ihn seine Handballvergangenheit ein. 2008 stieg Schulz bei der Handball-Region Ortenau (HRO) als Marketingmanager ein. Allerdings zu einem Zeitpunkt, als der Versuch, die Traditionsvereine TV Willstätt, TuS Schutterwald, HGW Hofweier und Hedos Elgersweier zu einem Zweitligisten mit Erstliga-Perspektive zu schweißen, schon am Scheitern war.

Dann traf er die nächste mutige Entscheidung. Bei Burda Direct hätte es wohl die Möglichkeit gegeben, Singlereisen als Online-Geschäftsmodell zu entwickeln. Doch dafür hätte er die Domain einbringen müssen. Schulz wollte das nicht. Stattdessen ging er aufs Ganze und versuchte es auf eigene Faust. „Da brauchst du Zeit, Geld und Eier“, beschreibt er die Startphase.

Im Gegensatz zur Konkurrenz setzte er auf Singles und Alleinreisende. Ohne Altersgrenze. Zunächst half ihm Manfred Weber, ein ehemaliger Handballer mit Tourismuserfahrung. Ein erster Schwerpunkt war Lappland, angestoßen durch eine Fluggesellschaft, die Ingenieure und Automobilzulieferer zu Testzwecken dorthin beförderte.

Die Corona-Pandemie hätte ihn fast in die Knie gezwungen. Ein Jahr lang lag der Tourismus komplett am Boden. Doch seine Schwester und gute Freunde liehen ihm eine Menge Geld.

Inzwischen floriert das Geschäft wieder. Speziell über Weihnachten und Silvester, aber auch Wanderreisen und Themen wie Asien, Kanada oder China. Mit Schulz touren knapp 3000 Personen pro Jahr. Buchungen kommen aus 23 Ländern. Er beschäftigt drei Mitarbeiterinnen. Am 10. Januar feierte der an Silvester geborene Schulz seinen 60. Geburtstag. Mit alten Handballgrößen wie Oystein Havang, Bernd Roos und Axel Schmidt. Zehn Tage später ließ er sich eine neue Hüfte einsetzen.

Thomas Schulz ist entspannt. Er hat es längst geschafft. Frei nach dem Motto: Hollywood für Singles.

 

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