Oliver Schäfer (r.). Foto: picture alliance

Der Mann mit der Pferdelunge

Kaiserslautern bebte am 2. Mai 1998, und die Pfalz badete in überschwappenden Emotionen. Zwei Jahre nach dem vernichtenden Abstieg in die 2. Bundesliga stemmte der 1. FCK im tosenden Jubel die Salatschüssel. 38.000 Fans trugen die vierte deutsche Fußball-Meisterschaft vom Betzenberg hinunter in die Stadt, wo endgültig alle Dämme brachen. Kolumnist Ulrich Kaiser beschrieb die Situation mit Psalm 126, Vers 3: "Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten."

Zu den gefeierten Helden gehörte auch Oliver Schäfer, für den ein persönliches Märchen wahr wurde: vom Dorfkind zum deutschen Meister.

Schon während des 4:0 gegen Wolfsburg lief vor seinen Augen ein Film ab. Sein Weg aus der tiefsten Jugendliga über den Oberligisten Freiburger FC, den Zweitligisten SC Freiburg – und dann die Achterbahn in Kaiserslautern: Abstieg, Pokalsieg, Aufstieg, Meisterschaft. "Gott im Himmel", dachte Schäfer, "dafür, dass ich aus Allmannschwier bin, habe ich aus dem, was ich kann, relativ viel gemacht."

In dem 850-Seelen-Dorf vor den Toren von Lahr hatte 20 Jahre zuvor alles begonnen. Olli startete in der D-Jugend des VfR Allmannsweier. Als Libero. Nicht wegen Franz Beckenbauer, sondern weil der Trainer es so entschied.

Schäfer, dessen Können sich rasch herumsprach, hielt seinem VfR die Treue, obwohl das bedeutete, dauerhaft in der untersten Jugendliga zu spielen. Natürlich hätten sie ihn beim Offenburger FV oder Lahrer FV mit Kusshand genommen. Doch er wollte nicht. Es gab Gründe. Trashtalk, würde man heute dazu sagen. Es waren die arroganten Sprüche auf dem Platz, wenn's mal zum direkten Duell mit den großen Klubs der Ortenau kam. "Das hat mir gar nicht gefallen", sagt er.

Deshalb ging der gelernte Werkzeugmacher Oliver Schäfer den Freiburger Weg. Zweites A-Jugendjahr beim FFC, anschließend direkt in die Oberliga Baden-Württemberg mit Uli Bruder als Coach. Dann lotste ihn Achim Stocker zum SC Freiburg, wo er von Lorenz-Günther Köstner zum Innenverteidiger umgeschult wurde. Schäfer wurde der jüngste Zweitliga-Kapitän.

Dann klingelte das Telefon. Kalli Feldkamp, der Trainer des 1. FC Kaiserslautern, machte es dringend. Schäfer überlegte: "Die Art und Weise, wie der 1. FCK spielt, passt zu mir." Also unterschrieb er an Weihnachten 1990. Was dann passierte, hatte er nicht auf dem Zettel. Am 15. Juni 1991 wurde Kaiserslautern am letzten Spieltag plötzlich deutscher Meister. "Ach du Kacke!", dachte er, "jetzt liegt die Latte noch höher."

Die Angst war unbegründet. Schnell wurde Schäfer Stammspieler und fand sich plötzlich im Europacup der Landesmeister wieder. Hammer! Der Gegner in der 2. Runde hieß FC Barcelona, mit dem 20-jährigen Pep Guardiola im Mittelfeld. Schäfers Job im Rückspiel war, Starstürmer Stoitschkow auszuschalten. Der Bulgare wurde ausgewechselt, und er dachte: "So schlecht kann ich nicht gewesen sein."

Ein Jahr später hatte er Zuwachs aus der Ortenau. Martin Wagner kam vom 1. FC Nürnberg. Nach außen hielten die Badener zusammen, intern kabbelten sie sich zuweilen. Mit seiner Pferdelunge war Schäfer ein Laufwunder. Aber Wagner wusste genau, was ihn auszeichnete: "Wenn Fußball im Wald gespielt würde", sagte er, "würdest du an meiner Stelle spielen. Aber auf dem Platz bin ich der Bessere, denn der Ball ist mein bester Freund."

Was beide nicht verhindern konnten: Im Frühjahr 1996 trudelten die Pfälzer in den Abstiegskampf. Niemand nahm es so richtig ernst. Bis es zu spät war.

Die Schande, den ruhmreichen Verein zum ersten Mal in die Zweitklassigkeit gestürzt zu haben, lastete zentnerschwer. Auch Schäfer spürte das.

Das Paradoxe: Nur eine Woche später stand der 1. FCK im Pokalfinale. Ein Absteiger griff nach dem Pott. Schäfer wusste nicht, wie er damit umgehen sollte: "Den Fans was zurückgeben, klar! Aber falls wir gewinnen, kann ich mich dann überhaupt freuen?"

Im Regen von Berlin schlug Kaiserslautern den Karlsruher SC 1:0. Ein Freistoß von Wagner entschied das fade Finale. Die Fans feierten, als hätte es den Abstieg nie gegeben. Das Team schwor Wiedergutmachung. Fast alle blieben.

Dann kam Otto Rehhagel. Dessen Wahrheit, die bekanntlich auf dem Platz liegt, sah so aus: Weltmeister Brehme überflüssig, Schäfer aus der Innenverteidigung entfernt. Wenigstens packte es der Trainer in Watte: "Sie sind vielleicht der fitteste Spieler der Bundesliga, aber für diese Position zu klein."

Schäfers 1,81 Meter reichten im Verbund mit der Pferdelunge für Spezialaufträge. Er wurde auf Stars wie Mario Basler, Andy Möller oder Uwe Bein angesetzt. Der Wiederaufstieg gelang prompt. In der folgenden Meistersaison 1997/98 brachte es der Athlet aus Allmannsweier auf zehn Einsätze.

Im Frühsommer 1999 saß Oliver Schäfer in einer Rooftop-Bar im Istanbuler Stadtteil Besiktas. Feldkamp und Hans-Peter Briegel, die den gleichnamigen Klub coachten, wussten, was sie einem Familienvater mit Frau und zwei kleinen Kindern zeigen mussten, um ihn ans Tor zum Orient zu locken.

Vom "Roof Garden" blickte Schäfer auf den Bosporus, sah die Blaue Moschee und die Schiffe übers Goldene Horn fahren. Spätabends hatte es immer noch 30 Grad. Der Dolmabahçe-Palast strahlte im Scheinwerferlicht. Und aus dem nahen Gewürzbasar drangen orientalische Düfte in seine Nase. "Genau so", dachte er, "habe ich mir tausendundeine Nacht vorgestellt."

Schäfer unterschrieb.

Er hat es nie bereut. "Es war eine tolle Erfahrung, selbst mal der Ausländer zu sein, in der Kabine nur die Hälfte zu verstehen, wenn alles lacht und du nicht weißt, ob sie über dich reden oder nur einen Witz gemacht haben."

Die nächste Station war Hannover, wo Schäfer im zweiten Jahr unter Trainer Ralf Rangnick den Aufstieg in die Bundesliga feierte. Der Aufstieg blieb sein Wegbegleiter. Auch, als er seine Karriere beim 1. FC Kaiserslautern II ausklingen ließ. Als Vaterfigur hielt er die Kabine in Ordnung und führte das Nachwuchsteam zurück in die Regionalliga. Mit 37 war Schluss, weil die Achillessehne streikte.

Dann absolvierte Schäfer alle Trainerscheine inklusive Fußballlehrerdiplom. Kaiserslautern wurde endgültig zur zweiten Heimat. Daran änderte auch ein dreijähriges Intermezzo beim 1. FC Saarbrücken nichts. Von 2017 bis 2020 etablierte Schäfer dort ein Nachwuchsleistungszentrum und stieg mit der U19 in die Junioren-Bundesliga auf.

Dann ging's zurück auf den "Betze", wo er vorwiegend als Athletiktrainer für die Fitness zuständig ist. Zwischendurch sprang er zweimal als Interimscoach der Profis ein. In all den Jahren erlebte er über zehn Cheftrainer. Was kein Problem war. "Ich konnte mich darauf einstellen und hatte ein Gespür, was der jeweilige Chef will."

Mittlerweile ist Oliver Schäfer mit Bahnrad-Olympiasiegerin Miriam Welte liiert. Die beiden liefen sich bei einer Sportlerehrung über den Weg. Später funkte es, jetzt haben sie zwei Kinder. Der Papa brennt auch mit 57 noch für seinen Job: "Ich kann mir vorstellen, das sehr lange zu machen. Noch sieht es einigermaßen aus, wenn ich eine Übung vormache."

Mal schauen, was die Pferdelunge noch hergibt.

 

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