Am 1. Mai 1989 zog sich Jürgen Hartmann zum ersten Mal in seinem Leben eine VHS-Videokassette rein. Es war nicht der Film "Indiana Jones", der gerade die Kinos füllte. Nein, es ging um Diego Armando Maradona. Den besten Fußballer der Welt.
Hartmann, 26 damals, stand vor der maximalen Herausforderung seiner Profikarriere. Als defensiver Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart sollte er in den beiden Finals um den UEFA-Cup gegen den SSC Neapel den genialen, mit sämtlichen Wassern gewaschenen Argentinier davon abhalten, Einfluss auf das Spiel zu nehmen.
Ein Ding der Unmöglichkeit.
Dieser Eindruck verstärkte sich bei Hartmann mit jeder Minute des Videos, das ihm Trainer Arie Haan zugesteckt hatte. Schadensbegrenzung schien die einzige Lösung. Hartmann dachte: "Hat er den Ball, ist es zu spät. Meine Chance ist, vorher die Passwege zuzustellen."
Am Abend des 3. Mai traf ihn im Stadion von Neapel die schiere Wucht der Emotionen. 81.000 Tifosi brüllten und sangen immer wieder einen Namen: "Ma-ra-dona!" Der angeblich mit Mafiageldern nach Napoli gelockte Weltmeister von 1986 war dort ein Halbgott.
Hartmann, der bescheidene Junge aus Seelbach bei Lahr, blieb trotz allem Spektakel ganz bei sich: hart, aber fair. "Ich habe nicht versucht, Diego dauernd umzutreten." Auch die spanischen Schimpfworte, die ihm Haan und sein VfB-Kumpel Maurizio Gaudino eingetrichtert hatten, behielt er für sich. "Ich hatte kein Interesse, ihn zu beleidigen."
Stattdessen wich Hartmann nicht von Maradonas Seite. Wie ein Leibwächter. Nur, dass er nicht den Star beschützte, sondern seine Mannschaft vor diesem Überflieger.
Der VfB verlor in Neapel 1:2 und kam im Rückspiel über ein 3:3 nicht hinaus. Unterm Strich war Maradona mit einem Tor, zu dem er einen komplett unberechtigten Elfmeter nutzte, und vier Assists die entscheidende Figur. Trotzdem dachten alle, was Gaudino sagte: "Jürgen hat das überragend gemacht. Und sehr, sehr fair."
Es waren die Spiele seines Lebens.
Das ahnte Klein-Hartmann nicht, als er 15 Jahre zuvor regelmäßig zum Gasthaus "Engel" radelte, wo in einem Glaskasten die Aufstellung der Jugendspiele des FSV Seelbach aushingen. Nach weniger gelungenen Auftritten auf der Skipiste und dem Tenniscourt hatte er sich fürs Kicken entschieden.
In der A-Jugend wechselte er zum Lahrer FV, dann holte ihn der Offenburger FV. Ein Schritt reihte sich an den nächsten für den athletischen, spielintelligenten Sohn eines Landmaschinenfabrikanten: Abitur am Lahrer Max-Planck-Gymnasium, wo er bereits auf seine spätere Frau Andrea traf, ein Studium in Karlsruhe und das illustre Oberligateam des OFV, mit dem er 1984 Deutscher Amateurmeister wurde. An der Seite von Bernd Schmider.
Der Ex-Profi vermittelte ihn in die Bundesliga. Fast wäre Gladbach-Fan Hartmann am Bökelberg gelandet, doch eine Bänderdehnung verzögerte die Unterschrift. Dann biss der VfB an.
Am Wasen fand er im Kehler Rainer Schütterle einen Kumpel und kickte mit Stars wie Guido Buchwald, Jürgen Klinsmann und Karl Allgöwer. Schon in der ersten Saison machte Hartmann 30 Spiele und war fortan gesetzt. Ein stiller, konstanter, makelloser Profi. "Er konnte das Spiel lesen und hat keine Fehler gemacht", sagt sein ehemaliger OFV-Coach Alfred Metzler.
Als "Sechser" kümmerte sich Hartmann um den "Zehner" des Gegners und kreuzte so die Klingen mit Granaten wie Littbarski, Möller oder Häßler.
Nur mit dem Rampenlicht klappte es nie. Zweimal glänzte Hartmann als Torschütze gegen die Bayern. Beide Male gewann der VfB 3:0. Aber am Ende des Tages gab es andere Schlagzeilen. Am 14. November 1987 war es der Fallrückzieher von Klinsmann, das Tor des Jahrzehnts. Und knapp zwei Jahre später, als der VfB die Münchner aus dem DFB-Pokal kegelte, fiel am selben Abend die Berliner Mauer. "Da hat keiner mehr auf die Torschützen geachtet", sagt Hartmann.
Nach sechs Jahren Stuttgart ging er nach Hamburg. Still, unspektakulär, wie immer. Er wollte den Tapetenwechsel. Außerdem lebte eine Tante an der Alster. "Wegen des Geldes", lächelt er, "hat man damals nicht gewechselt."
Beim HSV schlüpfte er wie selbstverständlich in die gleiche Rolle wie beim VfB, festigte seinen Ruf als "Fleißiges Lieschen der Liga", spielte mit Thomas van Heesen, Carsten Bäron, Yordan Letschkow und "Brazzo" Salihamidžić, zu dem er heute noch Kontakt hat. Hartmann wurde Kapitän, bis Felix Magath kam. Der wollte auf seiner ersten Station als Chefcoach gleich eine Duftmarke setzen und sagte: "Entweder du trittst ab, oder ich sage es!"
Hartmann war nicht nur äußerlich robust und praktisch nie verletzt, auch innerlich stimmte die Balance. "Das war weniger ein Problem. Felix wollte halt seine Handschrift zeigen."
Nach einer letzten, spannenden Saison beim FC Basel an der Seite seines Freundes Gaudino stieg er dort ins Trainergeschäft ein. Erst die U19, dann die zweite Mannschaft.
Danach war die Zeit reif für den Offenburger FV. Fünf Jahre lang coachte er da, wo alles anfing: an der Badstraße. Währenddessen machte er sämtliche Trainerscheine, inklusive Fußballlehrerdiplom, und scheiterte zweimal in der Relegation zur Oberliga – am 1. FC Heidenheim und dem FV Weinheim.
2007 kehrte Guido Buchwald als "Trainer des Jahres" aus Japan zurück, heuerte beim Zweitligisten Alemannia Aachen an und nahm Hartmann als Co-Trainer mit. Nach 14 Spielen war Schluss, weil es zwischen Buchwald und Manager Jörg Schmadtke krachte.
Gaudino lotste Hartmann anschließend als Cheftrainer zum Regionalligaaufsteiger SG Sonnenhof Großaspach. Dort traf er auf den Hotelier Uli Ferber und dessen Gattin, die Schlagerkönigin Andrea Berg.
Danach war wieder Buchwald als Dosenöffner an der Reihe – mit dem Thema Stuttgarter Kickers. Hartmann coachte die "Zweite" und war drei Wochen Interimstrainer der "Ersten" in der 3. Liga. Doch da war seine Frau bereits schwer an Krebs erkrankt. Sie verlor den Kampf, ohne eine echte Chance zu haben. Ein furchtbarer Einschnitt. "Ich hab’ das nie verstanden", sagt er.
Danach half ihm der Sport. Wieder war Buchwald im Boot. Beide heuerten bei der Fußballschule der Sparkasse an. Das heißt: Camps von Frühjahr bis Herbst. In Baden-Württemberg, Hessen und Thüringen. 60 bis 100 Kinder pro Wochenende. Manchmal ist auch "Icke" Häßler am Start. Oder "Litti".
Das macht Hartmann bis heute. Zuweilen schiebt er eine Woche im "Club Robinson" ein. Auch dort gibt es Fußballcamps. Mit 63 spielt er nach wie vor in der Traditionself des VfB. Und tief innen drin reizt es ihn, noch mal Co-Trainer im Profigeschäft zu sein.
Die Töchter sind erwachsen. Sophia ist Ärztin in Münster, Lena arbeitet bei einem Pharmaunternehmen in Basel. Der Papa lebt in Seelbach und schwingt Tennis- und Golfschläger. Nur zum Gasthaus "Engel" radelt er nicht mehr. Das ist seit zwei Jahren dicht. Den Aushang gibt es noch. Aber der Name Jürgen Hartmann steht nicht mehr drin.