Der auf den Medien klimpert

Der auf den Medien klimpert

Als Wolfgang Winter am 8. August 1996 erwachte, spürte er ein gespanntes Kribbeln. Um 14 Uhr war er im Burda-Verlagshaus in München mit Gerd Bolls verabredet. Der hatte ihm drei Jahre USA in Aussicht gestellt, bei einem führenden Verlag – samt Rückfahrkarte und Jobgarantie. Das war für den 31-Jährigen das Ticket in die große, weite Welt. An diesem Tag sollten die Details besprochen werden.

Doch es kam nie dazu.

Am Morgen stürzte über Friesenheim ein Firmenflieger von Burda ab. Um 9.45 Uhr zerschellte die Falcon DA 10 am wolkenverhangenen Scheibenberg über der Abbruchkante des Steinbruchs. Alle vier Insassen waren tot. Darunter auch Gerd Bolls.

Für Winter war das eine von mehreren Kreuzungen in seinem Leben, die er unbeschadet überstand, um danach neue Fahrt aufzunehmen.

Zum Zeitpunkt des Unglücks gehörte er der Verlagsleitung der Frauenzeitschrift "Elle" an, die zum Burda-Imperium zählte. Statt in die Staaten ging's nach Mailand: Pasta statt Burger, Dolce Vita statt American Way of Life.

Der neue Arbeitgeber hieß "Rizzoli Periodica", Italiens zweitgrößter Verlag, an dem Burda beteiligt war. Und Winter lernte eine Menge: sechs Wochen Crashkurs, um Italienisch zu sprechen, wie man Vertrauen aufbaut, zu zeigen, dass in einem per se "furchtbar zahlengläubigen" Tedesco ein strammes Paket Sympathie stecken kann – und wie man eine tiefrote Firma in die schwarzen Zahlen dreht. "Europaweit schätzt man die Deutschen", erkannte Winter damals, "aber man mag sie nicht."

Er, seine Frau Ulrike und ihre Kinder Paul und Lena mochten den Comer See und die neuen Freunde. "Eine unfassbar tolle Zeit", sagt Winter.

Was er dort tat, hatte nichts mehr mit dem Handballspieler zu tun, der es bis in die Nationalmannschaft geschafft hatte.

Winter stammt aus dem rumänischen Timisoara, die Großväter waren Österreicher, Wolfgang ist ein Donauschwabe. Mit Vorfahren aus Trier und dem Elsass. Dieses Völkergemisch landete 1971 in Lahr, wo Vater Winter als Lehrer unterrichtete. Wolfgang spielte gleichzeitig Handball und Fußball – beim TV und FSV Seelbach.

Mit den Händen beherrschte er den Ball besser. Kurz vor dem Abitur holte ihn der große Arno Ehret, der aus Seelbach stammt, zum TuS Hofweier in den Bundesliga-Kader.

Nicht verbürgt ist, dass das etwas mit den Wurfqualitäten zu tun hatte, die Winter am Tag des Finales der Fußball-WM 1982 bewies. Er fand die erste Halbzeit der Nationalelf gegen Italien so lausig, dass er in den Garten ging, um Speerwerfen zu üben. Dabei traf er die Oberleitung, halb Seelbach war ohne Strom. "Etliche, auch unser Nachbar, verfolgten die zweite Hälfte des Finales am Autoradio", weiß Winter noch.

Nach Ehrets Abgang ging es mit Hofweier bergab. Winter machte rüber in den Westen über die Bahnlinie zum kleinen TuS in Schutterwald. Dort wurde er mit dem bei Ehret abgeschauten Wackler, seiner Spielintelligenz und Geschmeidigkeit einer der besten halblinken Rückraumspieler Deutschlands.

Mit seiner Virtuosität am Klavier schmiss Winter manchen Teamabend im Hotel. Schweißnassen Field-Interviews gab er mit seiner eloquenten, nicht selten um die Ecke gedachten Analyse einen philosophischen Anstrich. Handball alleine war ihm viel zu wenig. Er absolvierte nebenbei eine Banklehre, ehe er sich vom ehemaligen Torwart Hans-Jürgen Schatz zum Burda-Verlag lotsen ließ, um dort ein Trainée-Programm zu absolvieren.

Das Spiel seines Lebens machte Winter am 25. März 1992 in der Karlsruher Europahalle. 6000 Zuschauer peitschten den TuS im Playoff-Viertelfinale gegen TuSEM Essen an, Schutterwald spielte wie vom anderen Stern, führte 11:4, ehe der Sprit ausging. Nach zwei Verlängerungen samt verlängertem Siebenmeterschießen hatte Essen die Nase vorn, aber Winter war mit 16 Toren der Held des Abends.

Nach dem Bundesliga-Abstieg des TuS 1993 kündigte er bei Burda und verlief sich zum VfL Bad Schwartau. Diesen Irrtum korrigierte er vier Monate später. Weil er das Riesenglück hatte, dass ihn der Geschäftsführer des "Elle"-Verlags nach München holte.

Auch so eine Kreuzung, wo Winter einem Crash entging.

Nach dem Flugzeugabsturz und dem vierjährigen Mailand-Intermezzo meldete sich im Frühjahr 2000 ein Headhunter. Er lockte ihn zu Condé Nast. Ein Moloch von Verlag. Knapp 170 Zeitschriften weltweit, darunter Schwergewichte wie die Magazine "Vogue" und "GQ". "Sieben, acht Milliarden Jahresumsatz", sagt Winter.

Er traute sich die neue Aufgabe zu – mit der Maxime, die ihn der Leistungssport lehrte: "Wenn ich's unbedingt will, dann kann ich's auch."

Winter wurde Verlagsleiter der großen Modezeitschrift "Vogue". Aber es gab auch das: entlassen und nach vier Monaten wieder eingestellt.

"Condé Nast war ein sehr wilder Ritt", sagt er. Später verantwortete er "GQ", "Myself" und "Glamour". Alle zwei, drei Jahre was Neues. Als Verlagsleiter war er zuständig für alle Erlöse und Verkäufe, für Vertrieb, Marketing und Marktforschung. Kurzum: Winter verantwortete das Gesamtergebnis. "Und in der Spitze", wie er sagt, "46 Millionen Euro im Jahr. Da hast du ein bisschen was um die Ohren."

Heute beschreibt er das als "vergangene, glamouröse Welt". Da gab es die Gala "Männer des Jahres" in Berlin. Budget: 1,1 Millionen Euro für einen Abend. Winter traf Roger Federer, Lewis Hamilton und zahlreiche Hollywood-Größen. "Das ist Showbiz, du lernst, wie Medien funktionieren."

Doch speziell in diesem Geschäft gilt auch das Motto: Die Karawane zieht weiter. 2012 meldete sich "Red Bull", das Imperium des österreichischen Milliardärs Dietrich Mateschitz. Sie suchten einen Geschäftsführer für ihren Verlag in Wien. Winter heuerte an in der Stadt der "Heurigen".

Erst beim Magazin "Servus Deutschland", dann bei "Terra Mater", später "Red Bulletin", das drei Millionen Auflage hatte. Als Geschäftsführer war Winter auch für den redaktionellen Part verantwortlich.

Die Familie pendelte von München aus, er logierte direkt hinter dem Museumsquartier. Die fünf Jahre in Wien waren die Kirsche auf der Torte. Auch wegen der Inspiration durch Mateschitz in den regelmäßigen Meetings. Den 2022 verstorbenen Konzernchef bewunderte er wegen seines Charismas, ähnlich wie Hofweier-Ikone Simon Schobel.

2017 war Schluss in Wien. Mit einem neuen Chef passte es nicht. Winter lebte fortan einen anderen Traum, den er lange hegte: die Selbstständigkeit. Das neue Metier sind hochwertige Uhren. Dabei half der Kontakt zu Gisbert L. Brunner, einem der renommiertesten Uhren-Journalisten in Deutschland. Die beiden gründeten das Portal uhrenkosmos.com. Außerdem betreibt Winter eine Media-Agentur. Die vermittelte dem Welt-Rallye-Verband unlängst eine Firma für Zeitmessung.

Privat ist er eher mit dem Rad unterwegs. Er liebt es, Italien vom Sattel aus zu erkunden. Manchmal fährt er auch von Unterhaching in die Heimat. In Lahr lebt die Mutter, seine Schwester Helga Wössner ist Bürgermeisterin von Mühlenbach. Auf einer der Touren lernte er bei Gengenbach zwei Münchner kennen. Denen erzählte er von zwei Übernachtungen und fragte: "Wann seid ihr losgefahren?" Die Antwort lautete: "Gestern Abend."

Auch einer wie Wolfgang Winter findet immer mal wieder seinen Meister

 

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