Ab Freitag brennt in Mailand das Olympische Feuer. Für die Winterspiele 2026. Womöglich wird Ihnen das erst beim Lesen dieser Zeilen bewusst. Kein Grund zum Schämen. Das Olympia-Fieber grassiert schon lange nicht mehr.
Olympia-Fieber, das sind Kindheitserinnerungen. Aus einer Zeit mit drei Fernsehprogrammen und einem Testbild ab 0:30 Uhr.
Meine Erinnerungen beginnen mit den Goitschel-Schwestern. Und das nur deshalb, weil mein Vater von den "Geutschels" sprach, während die TV-Reporter Goatschel sagten. Marielle, eine dieser beiden französischen Skilauf-Asse, band der Presse absichtlich den Bären auf, sie habe den Abfahrtskönig Jean-Claude Killy geheiratet.
1968 wurde solch eine dreiste Erfindung noch ungeprüft gedruckt.
Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler waren das deutsche Traumpaar – aber nur auf dem Eis. Die halbe Nation wünschte sich, dass die Silbermedaillengewinner von 1960 und 1964 vor den Traualtar treten würden, die andere Hälfte hegte die Befürchtung, dass Bäumler dabei gewaltig unter den Pantoffel geraten würde.
Bei "Gold-Rosi" war das anders. Erst eroberte der Charmebolzen von der Winklmoosalm die Herzen der Deutschen, dann schenkte sie der Nation 1976 in Innsbruck zwei Gold- und eine Silbermedaille, und heiratete den Skifahrer-Kollegen Christian Neureuther, der sich, wie er sagte, "in die Kombination von zwei Zöpfchen und zwei Wangengrübchen" verliebte. Es war wie im Dreigroschenroman. Dann kam Felix und beerbte seine Eltern auf den Pisten dieser Welt.
Hochgradiges Olympia-Fieber herrschte auch 1992 in Albertville, als Deutschland im Eishockey-Viertelfinale auf die übermächtigen Kanadier traf. Im Penaltyschießen konnte Peter Draisaitl als letzter Schütze die Sensation klarmachen. Er tunnelte den "Goalie", doch der Puck blieb auf der Torlinie liegen und den 10 Millionen am Fernseher schier das Herz stehen.
Den gesamten Wintersport umwehte jahrzehntelang die Frage: "Wo ist Behle?" Kultreporter Bruno Moravetz stellte sie 1980 in Lake Placid, als die (wenigen) Kameras unseren Skilangläufer Jochen Behle längere Zeit aus den Augen verloren hatten.
Und heute? Was hat Quotenpotential? Oder das Zeug zu magischen Momenten?
Kein Felix Neureuther mehr, kein Hirscher, keine Maria Riesch. Und der hiesige Hero Nathalie Armbruster muss die Füße stillhalten, weil die Nordische Kombination der Frauen nicht olympisch sein darf – anders als Skiklettern. Was immer das ist.
Den Glamour-Faktor muss Lindsey Vonn mit 41 Jahren und Teilprothese im Knie schultern. Wenn sie das nach dem Sturz am Samstag noch kann. Die Amerikanerin führt im Abfahrtsweltcup und hat fünf Kilo angefuttert, um noch schneller zu fahren. "Große Hintern", sagt sie augenzwinkernd, "sind immer in."
Wir Deutschen haben neben dem Dauerbrenner Biathlon die "Next Generation" im Eishockey mit NHL-Superstar Leon Draisaitl, dem Filius des Pechvogels von Albertville. Wir haben auch Loch und Lochner. Bei dem Rodler und seinem Bob fahrenden Kollegen ist es so wie bei Gary Linekers Perspektive auf den Fußball: "Am Ende gewinnen immer die Deutschen."
Auch das ist länger her.
Und wir haben Emma Aicher. Halb Schwedin, halb Deutsche und eine Bombe auf den Pisten. Zwei Abfahrten hat sie schon gewonnen. Auch im Slalom geht was. Wenn's optimal läuft, kriegen wir 50 Jahre nach Gold-Rosi eine Goldene Emma. Schön wär's schon. Aber Fieber erzeugen würde es eher nicht.