Wie auf der Autobahn

Schon in 80 Tagen beginnt die Fußball-WM. Dem Dichter Jules Verne reicht diese Zeit, einmal um die Welt zu reisen. Hochseesegler Boris Herrmann hat's vor ein paar Jahren auch geschafft. Aber Julian Nagelsmann sucht noch nach der richtigen Welle und dem nötigen Rückenwind.

Am Freitag in der Schweiz und drei Tage später gegen Ghana läuft das letzte Casting. Doch der Bundestrainer hat bereits aus dem Nähkästchen geplaudert – in einer Art Regierungserklärung im "kicker"-Interview.

In ungewöhnlicher Offenheit gab er Einblicke in seine Personalplanung und wie er die Kandidaten beurteilt. Solcherlei Schlüssellochpolitik ist ein Experiment.

Ein besonderes Auge bei der Auswahl der WM-Kicker wirft Nagelsmann auf die "Soft Skills". Das ist die soziale und persönliche Kompetenz, etwa die Fähigkeit, sich unterzuordnen. Aber auch, wie ehrlich der Torjubel ausfällt. Auf abgebrüht könnte ausgemustert folgen.

Generell aber gilt: Mit der Nationalelf ist es im herannahenden Sommer 2026 wie mit den Autobahnen: eine Baustelle nach der anderen.

Nehmen wir nur die Abwehr. Viele glauben, Antonio Rüdiger sollte nach diversen Ausrastern noch vor dem ersten Spiel gegen Curaçao ein Anti-Aggressionsprogramm absolvieren. Oder gleich Platz machen für Jonathan Tah. Wegen seiner kreativen Spieleröffnung hat der Bundestrainer den Harakiri-Grätscher Schlotterbeck als "unverzichtbar" geadelt. Was auf der Rechtsverteidigerposition mangels Alternative auch für den eigentlichen Mittelfeldmotor Kimmich gilt.

So weit, so gut. Bei der Doppelsechs scheiden sich die Geister. Stuttgarts stiller Star Angelo Stiller ist erst mal raus. Viel überraschender aber ist der Persilschein, den Bayerns bald ausgemusterter Edelreservist Leon Goretzka bekommt. Nagelsmann imponiert offenbar, wie er mit all den Widerständen an der Säbener Straße umgeht.

In der Offensive beneidete uns schon die ganze Welt um das Traumduo "Wusiala". Doch Wirtz kämpft in Liverpool noch immer mit Körper und Geist. Und Musiala spürt nach der schweren Verletzung Belastungsreaktionen im Knöchel. Das Bayern-"Bambi" braucht noch Schonzeit.

Nichts Genaues weiß man nicht. Das gilt speziell für die heikelste Kuh im Kader: Sané, der bei Galatasaray immer öfter nur von der Bank kommt, steht unter Dauerkritik, weil seine "Soft Skills" oft zu soft ausfallen.

Richtig spannend wird es im Sturmzentrum. Leider. Denn als Folge schwerer Ausbildungsversäumnisse herrscht akuter Mangel an echten "Neunern". Jetzt kommt noch Pech hinzu: Die wenigen Mittelstürmer, die wir haben, sind oder waren fast alle verletzt. Kleindienst seit einem Dreivierteljahr. Havertz, der in Summe noch länger raus war, robbt sich beim FC Arsenal gerade wieder ran, während Füllkrug beim AC Mailand die Erwartungen nicht erfüllen kann.

Bleibt noch Woltemade. Doch in Newcastle nennen sie den anfangs gefeierten Schlaks nicht mehr "Big Nick", sondern "Sick Nick". Er hat die Seuche am Fuß. Zum Glück gibt's noch Undav. Der versteht sich als Vollstrecker und Klassenclown. Mit letzterem könnte er sogar das Müller-Loch auffüllen.

Thomas Müller ist jetzt Experte von Magenta TV und hat wie immer das richtige Gespür: "Wir haben genügend Qualität, jede Topmannschaft an einem einzelnen Tag zu schlagen. Aber ich sehe nicht die Stabilität, dass wir kaum zu schlagen wären."

Wie erfolgreich diese WM wird, hängt auch von uns allen ab – nämlich wie hoch wir unsere Erwartungen hängen.

 

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