Unter dem Radar

Noch kein Bundestrainer hatte eine so geballte Aufmerksamkeit wie Jürgen Klopp beim Start seines Projekts "Stimmungswende in (Fußball-)Deutschland". Die "Bild"-Zeitung schreibt: "Unser Herz schlägt Klopp, Klopp, Klopp!"

Seine Anziehungskraft steht dem in nichts nach. ""Für ihn würde ich durchs Feuer gehen", sagte Freiburgs "Rekrut" Philipp Treu schon am zweiten Tag über den Charmebolzen.

Auf Anhieb legendär ist der 44er-Kader, mit dem "Kloppo" ein Casting unter Wettkampfbedingungen betreibt. Auffällig bei der Auswahl ist, wen wundert's, der Inselblick der Liverpooler Trainer-Ikone. Es sind Kandidaten am Start, die bei Otto Normalverbraucher unterm Radar fliegen. Und die den Durchbruch nicht in Deutschland, sondern in der weltweit anspruchsvollsten Liga, der Premier League, geschafft haben.

So wie Kevin Schade und Vitaly Janelt, die zu den Leistungsträgern des FC Brentford gehören. Und nebenbei Zivilcourage beweisen. Im März beobachteten sie, wie im Londoner Stadtteil Richmond ein schwarzer Sicherheitsbeamter angegriffen wurde. Ohne zu zögern leisteten sie Hilfe, bis die Polizei kam.

Schade, geboren in Potsdam und im Nachwuchsleistungszentrum des SC Freiburg ausgebildet, wechselte, obwohl er an der Dreisam nur Rotationsspieler war, 2023 für 25 Millionen Euro nach Brentford. Jetzt gehört im dort der linke Flügel. Trainer Andrews nennt ihn eine "Pressingmaschine". Solche Leute sucht Klopp.

Janelt kam vor sechs Jahren ohne ein einziges Bundesligaspiel für 600.000 Euro vom Zweitligisten VfL Bochum. Jetzt ist der Abräumer vor der Abwehr Kapitän.

Anton Stach gelangte über Jeddeloh, Fürth, Mainz und Hoffenheim zu Leeds United. Lange war er eher der Sohn eines bekannten Vaters, dem Tennis-Kommentator Matthias Stach, der an der Seite von Boris Becker die Grand Slams kommentiert. Bei der U21-EM 2021 machte er einen Abstecher zum Fußball und sagte bei der Einwechslung seines Sohnes am ProSieben-Mikro: "Blamier' mich nicht, Junge!" Inzwischen macht er ihm alle Ehre – als Freistoßkönig von Leeds.

Einen berühmten Vater hat auch Mika Baur. Der Filius von Handballweltmeister Markus Baur begann beim FC Salem und ist im Klopp-Kader einer von acht mit Freiburger Bezug. Ohne einen Bundesliga-Einsatz wechselte er von der Dreisam nach Paderborn und landete vor zwei Monaten bei Celtic Glasgow. "Hervorragendes Passspiel, gute Ideen", sagt Klopp über den Quereinsteiger.

Bei Nick Woltemade lief alles anders. 2025 war er der Sommerhit. Mit seinen Toren bei der U21-EM und in Stuttgart ging der Mittelstürmer durch die Decke. Die Bayern trieben den Preis. Aber die Schwaben lächelten alle Angebote weg, bis Newcastle 75 Millionen auspackte.

Auch die Premier League schien für den Schlaks eine gemähte Wiese zu sein. "Newcastle ist bisher eine 10 von 10", sagte Woltemade an Weihnachten. Dann wurde er ins Mittelfeld versetzt und verlor den Faden. Inzwischen ist er auf dem Verschiebebahnhof Turin gelandet. Dort droht das Abstellgleis. Juve-Coach Spalletti lobt zwar Kopfballspiel und Statur des 1,98-Meter-Hünen, legt sich aber trotzdem auf dessen Konkurrenten, den Ex-Frankfurter Kolo Muani, im Sturmzentrum fest. Mit Nachdruck: "Dabei bleibe ich bis Saisonende. Dann wird man sehen, wo der Zug angekommen ist."

Braucht's etwa ein Zugunglück, damit "Big Nick" doch noch den internationalen Durchbruch schafft? Vielleicht hätte er einfach beim VfB bleiben sollen.

 

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