Nach der Gala von Bernabéu spricht ganz Europa vom FC Bayern – und Deutschland debattiert über Manuel Neuer. Wegen der WM.
Neun Paraden packte das Torwartdenkmal aus und hielt mehrere nahezu unhaltbare Bälle, was entscheidend half, dass die Münchner zum ersten Mal seit 25 Jahren bei Real Madrid gewannen. Im Überschwang der Bewunderung gebar ein Amazon-Reporter diese Wortschöpfung: "Alltime Manuel Neuer Classic Performance!"
Das klingt wie eierlegende Wollmilchsau. Oder "GOAT-Keeper", wie manche Neuer nennen. Das bedeutet: größter Keeper aller Zeiten.
Die Frage aller Fragen lautet: Findet die Weltmeisterschaft tatsächlich ohne Neuer statt? Kommt man an einem 40-Jährigen vorbei?
Die Madrilenen schafften es ein einziges Mal – mit Ach und Krach, Latte und Torlinientechnik. Aber was ist mit Julian Nagelsmann?
Mit seinem grandiosen Auftritt hat Neuer sämtliche Zweifel wegen Muskelfaserrissen und gelegentlicher Fehlgriffe oder -pässe in die Abstellkammer gesperrt.
Stattdessen küssen ihm die Experten die Füße. Chris Kramer meißelte es quasi in Stein: "Er ist der weltbeste Torwart und bleibt das auch, solange er spielt." Und Lothar Matthäus sprach aus, was nicht wenige denken: "Dieser Neuer gehört in die Nationalmannschaft!" Doch dieses Kapitel ist beendet. Bis letzten Dienstag schien das auch okay. Und jetzt...?
...ändert die magische Nacht von Madrid rein gar nichts an den Fakten. Auch da nennt Matthäus Ross und Reiter: "Das Tischtuch zwischen Neuer und Nagelsmann ist so zerschnitten, das kann der beste Schneider der Welt nicht mehr zusammennähen."
Zur Erinnerung: Der Bundestrainer entzweite sich mit der Nummer Eins schon zu seiner Zeit als Bayern-Coach. Weil er Torwarttrainer Tapalovic vom Hof jagte. Mit seinem Trauzeugen und Kumpel verlor Neuer auch ein Stück seiner Hausmacht an der Säbener Straße.
Für das Ziel Europameisterschaft im eigenen Land legte der Rio-Weltmeister den Konflikt auf Eis, trat aber nach dem Viertelfinal-K.o. gegen Spanien aus der Nationalelf zurück. Ob nahegelegt oder nicht, sei dahingestellt.
Neuer sieht keinen Grund, daran etwas zu ändern. "Wir brauchen das Thema nicht aufmachen", sagte er in Madrid, "ich habe meine Sachen gesagt und konzentriere mich auf den FC Bayern."
Er ist nicht der Einzige seines Fachs, der mit über 40 im Rampenlicht steht. Aber höchstwahrscheinlich der "Normalste". Russland-Legende Lew Jaschin stand bis 42 im Tor, bekam ein Abschiedsspiel vor 104.000 Zuschauern und gilt als bester Torwart des 20. Jahrhunderts. Er war Kettenraucher, verlor ein Bein durch Amputation und wurde nur 60 Jahre alt.
Der Paraguayer Chilavert hütete bis 40 den Kasten und erzielte als Elfmeter- und Freistoßspezialist über 60 Tore. Hierzulande hielt Uli Stein noch mit 42 Bälle und nannte Franz Beckenbauer einen "Suppenkasper". Auch Jens Lehmann übertraf die 40er-Marke, flog mit dem Heli zum Training des VfB und versuchte mit der Kettensäge, einen Dachbalken über Nachbars Garage abzusägen, um seine Aussicht auf den Starnberger See zu retten.
Alter schützt vor Torheit nicht.
Als ältester Keeper der Nation gilt übrigens Jochen Baumann. Der 77-Jährige glänzt beim 1. FC Phönix Lübeck noch immer mit seinen Flugparaden. Unser Vertrauen aber verdient Oliver Baumann, die aktuelle Nummer Eins der Nationalelf. Manuel Neuer hin oder her.