Das Eckballtor von Dortmund ist die Kirsche auf der deutsch-italienischen Fußball-Torte. Es reicht weit über alle Jahresrückblicke hinaus und ist Gesellschaftssatire in Perfektion.
Die Italiener um ihren Torwart Donnarumma tun das, was sie so gerne und inbrünstig tun, überall und unentwegt: Sie palavern, wie es sein konnte, dass Tim Kleindienst frei zum Kopfball kam, und sie merken dabei nicht, wie Jamal Musiala hinter ihrem Rücken den Ball zum 2:0 ins leere Tor schiebt.
Palavern stammt aus dem Portugiesischen: Palavra – das Wort. Palavern ist kein Diskurs, nicht mal eine Diskussion, es ist das, was der Deutsche mit labern meint: Sie reden und reden und finden kein Ende. „Italien, was machst du?“ fragte die „Gazzetta dello Sport“ entsetzt.
Eine herrlich ironische Szene, die Nationaltrainer Luciano Spalletti den „Goldenen Tapir“ des Privatsenders „Canale 5“ einbrachte. Das ist ein Satirepreis für die größte Blamage, vergleichbar mit dem „Goldenen Vollpfosten“ der „Heute-Show“ im ZDF.
Dieses Tor katapultierte auch einen 15-jährigen Balljungen ins Rampenlicht. Noel Urbaniak, dessen pfeilschnelles Weiterleiten des Balles alles erst ermöglichte, wurde live im Fernsehen interviewt, die Zahl seiner Instagram-Follower explodierte, und am Samstag war er zum Torwandschießen im ZDF-Sportstudio. So mancher Influencer kann da nur vor Neid erblassen.
Der Dritte im Bunde mit Jamal und Noel war Joshua Kimmich. Der erkannte die Situation und führte den Eckball fix und präzise aus. Diese Aktion war nur das i-Tüpfelchen auf den imposanten Auftritt des neuen DFB- und Bayern-Kapitäns in den Viertelfinals gegen Italien.
Wir sahen den besten Kimmich, den es je gab.
Vor nicht mal einem Jahr galt er noch als überehrgeiziges Anführerlein, das den eigenen Ansprüchen verzweifelt hinterherrannte. Eine erhebliche Teilschuld daran trägt Thomas Tuchel. Der Ex-Coach der Münchner forderte für Kimmichs Königsposition den Portugiesen Palhinha als „Holding Six“ und demontierte den Platzhirsch. Völlig unnötig, wie man jetzt weiß.
Noch schlimmer erging es Leon Goretzka, der mit Kimmich die Doppelsechs bildete. Aufsichtsrat Rummenigge legt ein spätes Geständnis ab: „Im Sommer 2023 war es der damalige Trainer, der Goretzka nicht mehr bei den Bayern sehen wollte.“
Doch der Verkaufskandidat biss sich durch und auf die Zunge. Er saß Tuchel aus und kehrte in großem Stil zurück – bei Bayern und in der Nationalelf. „Sich aus den vielen Diskussionen rauszuhalten, war der cleverste Move“, lobt Bundestrainer Nagelsmann.
Tuchel ist jetzt Nationaltrainer des zweimaligen Vize-Europameisters England und verfolgt dort kein geringeres Ziel als den WM-Titel 2026.
Was ihn geritten hat, noch vor dem ersten Spiel seinen Vorgänger Gareth Southgate in die Tonne zu treten, weiß nur Tuchel selbst. „Bei der EM fehlten Identität, Klarheit, Rhythmus, die Freiheit der Spieler und ihr Hunger“, sagte er in einem TV-Interview.
Da mag zwar was dran sein, aber es ist eindeutig so, wie Lothar Matthäus anmerkte: „Das gehört sich nicht!“ Schon im München habe Tuchel ständig Fässer aufgemacht, die zu waren.
England startete mit einem 2:0 gegen Albanien und einem 3:0 gegen Lettland in die WM-Quali. Das klingt perfekt. Doch die BBC meckert: „Es war mehr das alte, mühsame England, das man so oft unter Southgate gesehen hat.“
Wie auch immer: Tuchel ist ein preisverdächtiger Unruhestifter. Das ist keine Blamage. Aber ein passender Award wird sich dafür schon noch finden.