Der Spruch ist fast so alt wie der Fußball selbst: "Torhüter und Linksaußen haben eine Macke", fand einst der Trainer Max Merkel. Weil der klassische Linksaußen à la Emmerich in den modernen Systemen nahezu ausgestorben ist, reduziert sich die Erkenntnis des Schinderhannes auf die Männer zwischen den Pfosten.
Und die haben bis vor ein paar Jahren jede Menge Butter bei die Fische getan.
Allen voran Jens Lehmann. 1993 kassierte er als junger Schalker Keeper in Leverkusen in der ersten Hälfte drei Tore, worauf ihn Trainer Jörg Berger auswechselte. Lehmann dampfte mit der Straßenbahn ab, ehe das Spiel aus war. Angeblich lieh er sich von einem Fan Geld für das Ticket.
15 Jahre später, als reifer Torhüter des VfB Stuttgart, schmiss er den Schuh, den der Hoffenheimer Salihovic verloren hatte, kurzerhand aufs Tornetz. Und in der Champions League gegen Unirea Urziceni urinierte er hinter die Werbebande. Manager Horst Heldt baute ihm eine Brücke und verglich den unappetitlichen Auftritt mit der Tour de France, wo die Helden der Landstraße auch mal auf offener Strecke dem Wasser freien Lauf lassen.
Dauerrivale Olli Kahn schüttelte Mitspieler Andy Herzog durch und schüchterte BVB-Stürmer Chapuisat mit einer Kung-Fu-Einlage ein.
Dagegen war Nachfolger Manuel Neuer der reinste Waisenknabe. Skandale? Komplette Fehlanzeige. Als kleiner Junge hatte er einen großen Teddy im Tor, und heute schleift er den Kakadu, den seine Bayern-Kollegen im Nobel-Restaurant "Käfer" mitgehen ließen, zu jeder Pokalübergabe. That's it.
Jürgen Klopp hat Neuers Erbe auf fünf Torhüter verteilt. Einer normaler als der andere.
Als Favorit gilt Marc-André ter Stegen (34), aktuell von Barcelona an Ajax ausgeliehen. Besonderheiten? Behütete Jugend in Mönchengladbach. Als er mit 15 auf dem Motorroller zum Training fuhr, klebte sein Opa mit dem Auto am Hinterreifen – um den Enkel abzusichern. Im Interview mit "El Pais" gestand ter Stegen: "Ich schaue fast nie Fußball, oft kenne ich die Namen meiner Gegenspieler nicht."
Alex Nübel (30) tappte vor sechs Jahren in die Bayern-Falle. Der damalige Sportvorstand Salihamidžić lockte den jungen Schalker mit zehn Einsätzen pro Saison, machte seine Rechnung aber ohne Neuer. Nicht eine Minute gab der Platzhirsch freiwillig ab. Immerhin machte Nübel als Leiharbeiter in Monaco und Stuttgart Karriere. Seit August ist er bei Besiktas Istanbul, wo er in den ersten sechs Spielen die Null hielt. Das schaffte in Europa zuletzt der im April tödlich verunglückte Alexander Manninger – 1998 beim FC Arsenal.
Hinter den beiden lauert ein junges Trio auf die große Chance. Dessen buntester Vogel ist Noah Atubolu (24). Mit dem ersten Profivertrag finanzierte der gebürtige Freiburger 28 Kindern samt Familien einen elftägigen Urlaub in Spanien. Seither gilt er als Robin Hood von Weingarten. Außerdem als Elfmeterkiller der Bundesliga. Sein aktueller Rekord steht bei sechs gehaltenen Strafstößen in Serie.
Finn Dahmen (28) fiel außerhalb des Platzes nur dadurch auf, dass der Sohn einer Engländerin im ZDF-Sportstudio plötzlich in seine Muttersprache wechselte, als es um Thomas Tuchel und "The Three Lions" ging.
Babyface Jonas Urbig (23) schaffte es, in einer Saison Zweitliga-Meister mit dem 1. FC Köln sowie Deutscher Meister mit dem FC Bayern zu werden. Das sind höchstens Marken, aber keine Macken.
Doch keine Sorge: Wenn Not am Mann ist, bedient Klopp auch dieses Klischee noch selbst.