Kaum ist die Bundesliga-Saison abgepfiffen, rückt sofort ein Mann in den Brennpunkt des Rampenlichts: Julian Nagelsmann. Der jüngste aller Fußball-Bundestrainer ist einer, der dem Zeitgeist standhält – eloquent, modisch, durchsetzungsstark, Laptop-affin und ein Taktik-Nerd.
Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Mal mehr, mal weniger.
Denken wir nur an Helmut Schön. Der sensible Mann mit der Mütze verlor seine Autorität in der berüchtigten Nacht von Malente, als "Kaiser" Franz nach der 0:1-Schmach gegen die DDR das Zepter übernahm und die Nationalelf zum WM-Triumph 1974 im eigenen Land führte.
Oder Jupp Derwall, den zweierlei begleitet: der Geist vom Schlucksee und die Schande von Gijon. Heraus kamen 1978 die liedrigsten Vizeweltmeister aller Zeiten.
Dann musste Beckenbauer selbst übernehmen – als Teamchef wider Willen. Die Lichtgestalt sorgte nicht nur für den WM-Pokal 1990, sie zog selbst die Kölner Vereinsführung in ihren Bann. Die Effzeh-Bosse reisten ins deutsche Quartier "Castello di Casiglio" in Erba, um dort ihren Trainer Daum zu entlassen. Schließlich hielt in diesem Schlösschen die deutsche Sportpresse Hof.
Jogi Löw belegte mit "högschder Konzentration" sage und schreibe 15 Jahre den Stuhl des Bundestrainers, auf dem er den Rio-Triumph 2014 eindeutig zu lange aussaß.
Nagelsmann ist erst der zwölfte Bundestrainer seit Otto Nerz 1926. Aber ist er der erste, der sich selbst an die Wand nagelt, noch ehe es ernst wird?
In knapp drei Jahren hat er mehr als eine Rolle rückwärts gemacht. Zuerst bremste er sein modisches Outfit ein, um den Fokus auf den Spielern zu lassen. Vor der Heim-EM 2024 kehrte er zum radikalen Leistungsprinzip zurück und führte Rollengespräche direkt vor dem Turnier ein. Jeder Spieler wusste Bescheid.
Alles gute Ideen. Aber was hat den Bundestrainer geritten, diese Rollengespräche heuer schon im März zu machen? Sich viel zu früh festzulegen, ganz ohne Not. Und dann noch Undav zu rasieren, der, keck wie er ist, gleich an seiner Jokerrolle rüttelte.
Hatte Nagelsmann im länderspiellosen Winter Hummeln im Hintern?
Seither wirkt er genervt. Und die Hoeneß-Kritik tat ein Übriges. "Wir haben eine Chance, wenn es gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal in Folge mit derselben Elf zu spielen", sagte der Bayern-Patron.
Und dann noch die Nummer mit Manuel Neuer. Monatelang hatte Nagelsmann gebetsmühlenartig Oliver Baumann zur Nummer eins zwischen den Pfosten erklärt. Doch seit Tagen berichten der "kicker", Sky und "Bild", dass es jetzt doch auf den zurückgetretenen 40-jährigen Bayern-Keeper hinausläuft.
Wenn gleich drei Leitmedien so was behaupten, kann man mehr als eine Bratwurst wetten, dass was dran ist. Am Samstag im ZDF-Sportstudio verfolgte Nagelsmann nur eine Strategie: Er ließ sich nicht festnageln.
Beim Saisonfinale hatte Neuer zum wiederholten Male Wadenprobleme. Wenn der Bundestrainer diesen Schuss nicht hört, ist er selbst schuld.
Zweimal 90 Minuten gibt's noch, um den Ernstfall zu proben – gegen Finnland und die USA. Der erste WM-Gegner heißt Curacao. Die Karibik-Kicker verloren im Frühjahr 0:2 gegen China und 1:5 gegen Australien. Schrecken verbreitet das nicht.
Sehen wir's mal so: Wir haben beim WM-Start ein Testspiel mehr. Dann aber muss Nagelsmann Nägel mit Köpfen machen. Und nicht nochmal den Torwart wechseln.