Der als ARD-Analyst vergleichsweise blasse Ex-Lausbub Bastian Schweinsteiger hat in Sachen Nationalelf ein richtiges Fass aufgemacht. "Wir sind im Mittelmaß angekommen", stellte der Rio-Weltmeister von 2014 nach dem 0:1 gegen Griechenland fest.
In Mittelmaß steckt Mitte – das ist aktuell ein heikles Wort in unserem Land. Mitte klingt nach Midlife-Crisis oder nach politischer Mitte, die händeringend ihre Identität sucht. Jedenfalls klingt Mitte nicht nach "es läuft".
Weil Deutschland, polarisiert wie nie zuvor, höchstens noch ein Einig-Nörgelland ist, schießen trotz aller Euphorie um den neuen Bundestrainer die Debatten über die Nationalelf ins Kraut.
Vor allem in den Medien.
In einem Report zur Lage der Fußballnation erkennt die "Welt" weder Weltklasse- noch Führungsspieler und degradiert den Kapitän: "Kimmich wirkt wie ein Duracell-Hase, nicht wie ein souveräner Chef." In puncto Einstellung wurde Wirtz noch vor seinem starken Auftritt gegen Serbien an den Pranger gestellt: "Zur Stunde Null des deutschen Fußballs kommt er mit einer Luxustasche von Louis Vuitton im Wert von mehr als 10.000 Euro."
Weniger wäre mehr gewesen. Entscheidende Indizien sind aber die letzten drei Weltmeisterschaften, wo es nicht mal fürs Achtelfinale reichte. "Das ist Mittelmaß", findet auch die "Welt" und fügt ein "noch" hinzu – als zynische Anspielung auf Jürgen Klopp und seinen (un)gewollten WM-Versprecher zum Thema Julian Nagelsmann.
Jetzt ist er selbst in der Verantwortung. Und seine Jobbeschreibung lautet: radikaler Neuaufbau, jeden Stein umdrehen, besser machen, was geht.
Dennoch wird sogleich eine Tabelle herangezogen, die den Punktedurchschnitt aller Bundestrainer zeigt. Und da führt ausgerechnet Berti Vogts vor Jupp Derwall, beide nicht die hellsten Kerzen, was Aura oder Agenda betrifft.
Sollte es vielleicht DOCH an den Spielern liegen?
Jetzt kommt Klopp ins Spiel. Und er muss aufpassen, dass er sich nicht übernimmt. Denn der Neue stürzt sich auf jede der vielen Baustellen.
Er klatscht sämtliche Hände ab, die sich ihm entgegenstrecken; er herzt gegnerische Spieler und die eigenen erst recht; er nimmt alles, was schiefläuft, auf seine neue Bundestrainer-Kappe, auf der steht: "Einer von 83 Millionen".
Klopp sagt so Sätze wie: "Details können noch nicht funktionieren, keine Chance!" Oder: "Pfiffe hab' ich gehört. Vielleicht haben da welche kräftig ausgeatmet und hatten Asthma." Und: "Kimmichs haben jetzt Familienurlaub!"
"Ich weiß gar nicht, wo er all die Energie hernimmt", staunt sein Chef Rudi Völler.
Außerdem hat Klopp neumodische Auswüchse abgeschnitten und kehrt zu alten Zöpfen zurück. Das heißt: Handy-Verbot am Spieltag, feste Essenszeiten und kein Friseur im Teamhotel.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch eins – dauerhafter Erfolg. Aber der setzt vor allem eines voraus: Qualität. "Die fängt auf dem Schulhof an, wo keiner verlieren will, und reicht bis zum FC Bayern, den keiner schlagen kann", sagt Marcel Reif. Mit nur drei, vier international herausragenden Spielern, zu denen der Edel-Kommentator Havertz, Musiala, Wirtz und Kimmich zählt, werde es schwer, Spanien, Frankreich, England oder Portugal zu schlagen.
Die letzte Ausfahrt für die Nationalelf heißt Geduld: Der neue Bundestrainer muss etwas entwickeln, etwas entstehen lassen. Und damit zurück zu den Wurzeln seiner Karriere. Der DFB braucht von Jürgen Klopp viel mehr Mainz als Liverpool.