Ein guter Rat am Rande: Zetteln Sie vorläufig mit keinem Italiener eine Diskussion über Fußball an. Risiken und Nebenwirkungen sind unüberschaubar. Torwart-Hüne Donnarumma versuchte, den K.o. der "Azzurri" gegen Bosnien noch im Elfmeterschießen abzuwenden, indem er den Spickzettel seines Kontrahenten zerreißen wollte. Nicht mal das gelang.
Italien ist zum dritten Mal in Folge bei einer Fußball-WM nicht dabei. Das ist der Super-GAU. Auch wenn mir der Chef der Lokalredaktion schon vor über 40 Jahren eingebleut hat, dass es den gar nicht gibt, weil GAU bereits der größte anzunehmende Unfall ist.
Blicken wir ins Inland: Deutschland krittelt, nörgelt und orakelt. Der Bundestrainer wirkt genervt. Dabei haben wir beide Testspiele gewonnen. 4:3 in der Schweiz. Und dann 2:1 gegen Ghana.
Kann die WM kommen?
RTL-Kommentator Fuss brachte den Zustand der Nationalelf in Basel schon nach 18 Minuten auf den Punkt: "Wir haben Stärken gezeigt und Schwächen offenbart."
So geht das schon die ganze Zeit. Mal hui, mal pfui. Nur die Schwankungen sind konstant. So gesehen ist selbst die Abwehr stabil.
Die Defensive hat am meisten Luft nach oben. Auch Schlotterbeck, der als gesetzt gilt. "Er war an zwei Toren beteiligt – leider für die Schweiz", stichelte Experte Lothar Matthäus. Erschwerend hinzukommt die Hängepartie beim BVB. Langzeitstudien zeigen, dass eine ungeklärte Zukunft nicht leistungsfördernd ist, auch wenn das bei einem angeborenen Frechdachs wie "Schlotti" ein überschaubares Hindernis sein dürfte.
Zu reden ist auch über den Käpt'n. Mangels tauglicher Alternativen muss Joshua Kimmich rechts hinten verteidigen. Offiziell hat er das eingesehen. Doch sein ständiges Abhauen ins Mittelfeld grenzt mittlerweile an senile Bettflucht. "Wir müssen positionsgetreuer werden", mahnt Julian Nagelsmann.
Gottseidank haben wir Florian Wirtz, der die Offensive mit seiner individuellen Weltklasse unberechenbar macht. Matthäus zog nach dem umwerfenden Auftritt des Liverpool-Profis in der Schweiz "eine Eins mit Sternchen".
Drumherum ist viel Wackelpudding. Musiala läuft nach dem Totalschaden im Sprunggelenk die Zeit davon. Und für die Leistung von Sané gibt es keine Wetter-App auf dieser Welt. Wie gut, dass wir Lennart Karl haben. Der neueste aller Bayern-Stars garantiert frischen Wind, zumindest von der Bank aus.
Jetzt wird's richtig heikel. Als Freund klarer Verhältnisse hat Nagelsmann die Rollen im Kader bereits verteilt und kommuniziert. Jeder weiß also, ob er Stamm- oder Ergänzungsspieler ist oder nur für den Notfall bereitsteht.
Das war zu früh. Ohne Not hat sich der Bundestrainer enge Leitplanken gesetzt. Um es mit dem Bergdoktor zu sagen: Er kann aus einem Gruber keinen Kahnweiler mehr machen. Sonst ist die Glaubwürdigkeit im Eimer.
Das Problem heißt Deniz Undav. Den hat Nagelsmann hinter Havertz und Woltemade nur als Mittelstürmer Nummer drei im Visier – für besondere Momente. Dummerweise trifft der Stuttgarter wie am Fließband, während seine Konkurrenten Ladehemmung haben. Undav ist so rotzfrech, wie er spielt. Mit jedem Tor, ließ er das TV-Publikum wissen, könne er seine Rolle verbessern. Danach pfiff ihn Nagelsmann öffentlich zurück.
Sich das Leben unnötig schwer machen – in dieser Disziplin gehören wir zur Weltspitze. Ob das reicht, erstmals nach 2018 und 2022 wieder die Vorrunde zu überstehen? Auch das fragen Sie besser keinen Italiener.