Eigentlich ist es doch so einfach. "Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!", schrieb Hermann Hesse vor 85 Jahren in seinem berühmten Gedicht "Stufen". Ein Satz, der die letzte Stufe der Karriereleiter besser nicht beschreiben könnte. Man möchte ihn spontan Cristiano Ronaldo zurufen.
Der Portugiese war im Fußball lange das Maß der Dinge. Eins kann er nicht: loslassen. Nicht mal die Einschätzung seiner Lebensleistung überlässt er anderen. "Ich bin der Beste der Geschichte. Punkt.", sagt CR7 und meint nichts ernster als das.
Er gilt als erster Fußball-Milliardär, hat 980 Tore erzielt und 234 Länderspiele auf dem Buckel – 84 mehr als Lothar Matthäus. In Madeira, wo er das Licht der Welt erblickte, steht eine Statue von Ronaldo, die dadurch auffällt, dass die Unterschiedsstelle zwischen Mann und Frau auffällig betont wird.
Inzwischen ist Ronaldo 41, verdient sein Geld in der Wüste, hat eine mehr als mäßige WM gespielt – will aber weitermachen. Als ihn Portugals Nationaltrainer in der Nations League auf die Bank setzte, reiste die beleidigte Leberwurst einfach ab. Darauf steht eine Sperre. An sich wäre das die Chance, den Altstar zu entsorgen. Doch das traut sich Portugals Verband nicht. "Wir wollen ihn zurück", sagt der Präsident.
Von einer spätpubertären Trotzphase à la Ronaldo ist Manuel Neuer weit entfernt. Aber das ungenierte Festhalten an Pfründen hat dem deutschen Torhüterdenkmal viele Sympathien gekostet.
Das fing schon 2018 an, als der Bayern-Keeper nach einer Serie von Mittelfußbrüchen in letzter Sekunde zurückkehrte und bei der Russland-WM wie selbstverständlich Marc-André ter Stegen den Platz im Tor wegnahm. Noch viel dreister war das im Geheimen eingefädelte Last-Minute-Comeback des 40-Jährigen vor der WM im Sommer, im Zuge dessen sein wackerer Nachfolger Oli Baumann mit abgesägten Hosen auf der Bank landete. So was gehört sich nicht!
Auch deshalb werden Patzer wie Neuers schnellstes Bundesliga-Gegentor kürzlich in Augsburg als Wink mit dem Zaunpfahl gewertet, was das Verfallsdatum betrifft.
Doch das Problem mit dem Loslassen haben Ronaldo und Neuer nicht exklusiv. Denken wir nur an Lindsey Vonn. Die Drama-Queen auf Skiern konnte es im verflixten Ronaldo-Alter von 41 trotz Kreuzbandrisses nicht lassen, sich in die olympische Abfahrt zu stürzen. Sie schrammte haarscharf an einer Beinamputation vorbei. Dennoch steht Vonn im US-Kader für diesen Winter.
Oder Novak Djokovic. Der Serbe schleppt sich mit 39 über die Tenniscourts dieser Welt, dass das Hinsehen schwerfällt. "Er kotzt, er kämpft, er kann nicht mehr", schreibt "Bild". Aufhören? Wer denkt denn an sowas...?
Lang ist auch die Liste sinnloser Comebacks von Megastars, weil sie die Leere hinter dem gefallenen Vorhang nicht ertrugen. Was hat Schwimmer Mark Spitz nach sieben Goldmedaillen von München 1972 geritten, es 20 Jahre später noch einmal zu probieren? Zur Barcelona-Norm 1992 fehlten ihm zwei (!) Sekunden. Warum bloß ließ sich George Foreman am Schluss von zweitklassigen Boxern verprügeln?
Für die meisten ist die Bedeutungslosigkeit danach der schwerste Gegner. Nicht für Philipp Lahm. Der Ex-Kapitän der Nationalelf etablierte sich im Leben danach als Unternehmer und Turnierdirektor der EM 2024. Als er mit 34 seine Karriere beendete, verkündete er das auf eigene Faust, während Bayern-Patron Hoeneß zeitgleich TV‑Reporter, die danach fragten, aufs Übelste abblitzen ließ. Das ist mal eine Schlusspointe!