Floskeln muss man sich leisten können

Floskeln spalten unsere Gesellschaft. Der eine rettet sich damit über die Runden, der andere winkt entrüstet ab. Dabei hat die Floskel längst die Unschuld ihres Ursprungs eingebüßt. Der liegt im lateinischen Wort "flosculus", was Blümchen bedeutet – also etwas durch die Blume sagen.

Was vielleicht die Tatsache erklärt, dass Floskeln im sozialen Miteinander Sicherheit vermitteln können. In der Regel aber handelt es sich um abgedroschene Redewendungen. "Eine eindeutige Stellungnahme ist nicht mehr zu erkennen", heißt es bei Wikipedia.

Das ist eine gemähte Wiese für Politiker: keine Ecken, keine Kanten, nichts zum Einhaken, bloß keine Fehler machen. Nehmen wir nur die Wahlplakate der Spitzenkandidaten von Rheinland-Pfalz: "Genau der Richtige", prangte über dem Konterfei des Favoriten Alexander Schweitzer. Und Gordon Schnieder machte das Rennen mit: "Jetzt gilt's!"

Solche Parolen strotzen vor Leere. "Die haben über alle Parteien hinweg den gleichen Sprachtherapeuten", lästert der Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

Das Kontrastprogramm ist die Cancel Culture. Damit wird den Leuten gesagt, was sie sagen und vor allem, was sie nicht mehr sagen dürfen: von Gendern bis rassistisch und sexistisch. Führend ist hier die "Grüne Jugend". Die brachte es fertig, den prominentesten Wahlhelfer von Cem Özdemir von der Siegesfeier auszusperren. Boris Palmer kam an den Türstehern nicht vorbei, weil er für seine ehemalige Partei zur Reizfigur wurde.

Palmer ist als OB von Tübingen ein erfrischend pragmatischer Mann, der gerne unpolemischen Klartext redet und sich nicht scheut anzuecken. Der Preis ist hoch: Holocaust-Verharmloser und Rassist sind nur einige der Vorwürfe, mit denen er leben muss. Weil Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen wurden.

"Es ist riskant, wenn man nicht um alles herumredet", sagt Palmer. Es sei denn, man schert sich einen feuchten Kehricht um den Rest der Welt. So wie Donald Trump. Der US-Präsident ist der Prototyp eines erratischen Anführers – unberechenbar, regellos, zerstreut und ausgrenzend, was konträre Ansichten angeht.

Zurück zu den Floskeln. Da spürt die Politik den Atem des Sports im Nacken. Es wimmelt vor Klassikern. Seit Otto Rehhagel "liegt die Wahrheit auf dem Platz". Schon Sepp Herberger wusste: "Das Runde muss ins Eckige." Und Ottmar Hitzfeld schwor darauf: "Der Rasen muss brennen!" Doch was brennt, sind höchstens die Schürfwunden vom Kunstrasen.

Der aktuelle Bundestrainer schwimmt gegen den Floskeltrend. Als er gefragt wurde, ob er den Novizen Lennart Karl auf Anhieb erreicht habe, verriet Julian Nagelsmann: "Nein, er ging nicht gleich ans Handy, denn er war bei der Nachhilfe." Womöglich war der 18-Jährige not amused.

Auch in taktischer Hinsicht hütet der Bundestrainer keine Geheimnisse. "Wir haben zwei Spielsysteme, genauer gesagt einen Mix. Mit zwei Positionswechseln können wir von einer Spielordnung auf eine andere – zehn Meter nach vorn – umschalten", sagt er. Und fügt sogleich hinzu: "Wenn ich lese, ich sei kompliziert, werde ich sauer!"

Kompliziert sein muss man sich leisten können. Floskeln aber auch. Der "Kaiser" konnte das. "Geht's raus und spuilt's Fußball", gab Franz Beckenbauer seinen Spielern mit auf den Weg. Ein glasklarer Fall fürs Phrasenschwein. Aber es hat funktioniert. Weil der "Kaiser" Charisma hatte.

Das haben weder Trump noch die Grünen. Palmer und Nagelsmann schon eher.

 

Zurück zum Blog