Am Donnerstag in Amsterdam sollten sie zusätzlich zur Nationalhymne die von Elvis Presley spielen: "It's now oder never". Denn nichts bringt das Debüt des neuen Bundestrainers besser auf den Punkt. "Jetzt oder nie!" Zwei, die sich immer wollten, haben endlich zueinandergefunden: Jürgen Klopp und die Nationalmannschaft.
Doch der Charismatiker unter Deutschlands Fußballtrainern übernimmt ein Team, das zuletzt die Ausstrahlung von Sperrmüll hatte. Ramschware. Zumindest auf der großen Bühne der WM.
Was perfekt zur miesen Stimmung im Land passt, wo der Kanzler wie die Kicker immer neue Tiefpunkte erlebt.
Jetzt soll Klopp, die empathische Stimmungskanone mit eingebautem Erfolgsgen, ein Signal gegen die Verdrießlichkeit sein. "Ein Menschenfängerkonkurrent für Bayern-Coach Vincent Kompany", sagt SAT.1-Moderator Matthias Opdenhövel. Die Leute mögen "Kloppo". Selbst die Medien stehen Spalier. "Mal ehrlich, wenn Klopp es nicht hinbekommt, wer dann?", fragt die "Welt".
Die drei Vereine, die unter dem Schwarzwälder allesamt in schillernder Pracht aufblühten, sind wie ein maximales Versprechen.
Mit dem FSV Mainz schaffte der vormals limitierte Zweitligastürmer 2004 den historischen Bundesligaaufstieg, nachdem in den beiden Jahren zuvor ein Punkt und dann nur noch ein Tor dazu gefehlt hatten.
Als er 2008 nicht verlängerte, um in Dortmund einen neuen Herzensverein zu übernehmen, feierten ihn 20.000 weinende FSV-Fans auf dem Gutenbergplatz. "Alles, was ich bin, was ich kann, habt ihr mich werden lassen!", rief Klopp vom Theaterbalkon.
Dem BVB bescherte er zwei Meisterschaften, einmal sogar das Double – und reizte Bayern-Patron Hoeneß damit bis aufs Blut. Beim Autokorso durch Dortmund ließ sich Klopp mit- und hinreißen. Schließlich wachte er allein in einer verlassenen Werkshalle auf. Als seine sieben Sinne wieder funktionierten, traf er, man glaubt es kaum, in diesem Hof seinen Vereinsboss "Aki" Watzke. Die beiden stoppten einen Ford Transit, boten dem Fahrer, einem Türken, der sie nicht erkannte, 200 Euro fürs Mitnehmen. Und wunderten sich zuerst über das Gegacker von Hühnern, dann über bestialischen Gestank. Bis Watzke feststellte, dass hinten drei geschlachtete Hammel lagen.
Mit dem FC Liverpool gewann "The Normal One" die Champions League und nach 30 Jahren auch wieder die Premier League. Seither gibt es zwei riesige Street-Art-Wandbilder mit Klopps Konterfei. Legendär ist auch der kulinarische Rundflug, als er mit Weltstar Kylian Mbappé verhandelte.
Und jetzt der DFB.
Das ist ein anderes, ein gefährliches Terrain. Bei der Vorstellungs-PK im August wirkte Klopp nicht immer sattelfest. Seine Medienschelte ("Wenn ihr meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg!") war unnötig und deplatziert. Inzwischen aber hat er Tritt gefasst. Mit einem Mammutkader und Weckrufen an die Nation.
Klopp beginnt in Holland. Emotionaler geht es nicht. Hölzenbein, der geschundene Elfer, Rijkaard, die Spuckattacke gegen Völler ...
Doch der neue Bundestrainer hat großen Respekt vor dem Projekt Wiederbelebung der Nationalelf. "Schwer zu schlagen sein, wäre ein Anfang", meint er und weiß genau, dass alles Zeit braucht: "Die können wir uns nur durch Ergebnisse und Fortschritte erkaufen."
Sollte Klopp scheitern, was keiner glaubt, würde nicht die AfD den nächsten Bundestrainer stellen. Aber die Ratlosigkeit beim DFB wäre größer als aktuell bei der CDU.