Der Tisch von Amazon Prime ist berühmt-berüchtigt. Matthias Sammer hat sich dort um Kopf und Kragen geredet, weil er als Experte des Pay-TV-Senders seinen BVB, den er berät, in Schutt und Asche gelegt hat. „Die Mannschaft war körperlich und geistig in einer Nicht-Verfassung“, sagte er nach der Blamage von Bologna.
Ohne den Guru haben sie am Dienstag vor dem Sporting-Spiel am Tisch jeden Stein umgedreht, um der Dortmund-Krise endlich auf die Spur zu kommen. Chris Kramer, um keinen Kommentar dieser Welt verlegen, hatte plötzlich die zündende Idee: „Du brauchst Leute, die nicht nur die Bälle fordern, sondern auch das Mikrofon.“
Konkret meinte der Rio-Weltmeister ausgemusterte Platzhirsche wie Reus und Hummels. „Die haben Druck von den Spielern genommen – auf dem Platz und medial.“
Was nicht jedem liegt. Das ist ein alter Hut. „Katsche“ Schwarzenbeck, Wasserträger des „Kaisers“, trat in des Gegners Hälfte nur einmal ernsthaft in Erscheinung. Anno ’74 erzwang er mit einem 30-Meter-Hammer in der 119. Minute des Europacup-Finales gegen Atlético Madrid ein Wiederholungsspiel, weil es damals noch kein Elfmeterschießen gab. Danach stürzten sich die Reporter auf den Verlegenheitstorschützen. Er habe nicht gewusst, was er machen solle und deshalb einfach draufgehauen, erklärte Schwarzenbeck. Als er merkte, dass das nicht reichte, sagte er: „Geh, fragt’s den Franz.“
Was lernen wir daraus? Ein funktionierendes Team hat einen oder mehrere Wortführer.
Sogenannte Alphatiere. Gestandene Mannsbilder. Ochsen, die den Karren aus dem Dreck ziehen, wobei diese Formulierung schon risikobehaftet wirkt, seit Kanzler Olaf Scholz für „Hofnarr“ einen Anwalt braucht.
Wortführer also. Keine Lautsprecher. Bei denen tendiert die Substanz des Inhaltes gen Null, und sie sind, wie Super-Mario Basler, prima geeignet für Formate wie das „Sommerhaus der Stars“.
Zurück zum BVB: „Schlotterbeck und Brandt kandidieren als Führungsspieler“, meint Kramer zur neuen Hierarchie, die noch eine flache ist.
Ganz anders als in Leverkusen. Der Doublegewinner der letzten Saison hat mit Xabi Alonso ein absolutes Alphatier als Trainer, und auf dem Platz eines, dessen Name Programm ist: Wer sich mit Granit Xhaka anlegt, beißt auf Granit. Im Windschatten zaubern Künstler wie Florian Wirtz und Alejandro Grimaldo.
Bei den Bayern galt Joshua Kimmich lange Zeit als Anführerlein. Doch mittlerweile flirtet der vierfache Familienvater mit einem Wechsel ins Ausland, tritt plötzlich viel gefährlichere Ecken als zuvor und äußert klare Kante: „International sind wir noch keine Spitzenmannschaft!“ Neuer hat auch was zu sagen. Aber vor allem haben sie Thomas Müller. Radio Müller.
Der moderiert alles weg. Ein Gottschalk des Fußballs. Vor sechs Jahren hatte er eine absolute Sternstunde. Damals saß der neue Dortmund-Trainer Nico Kovac noch in München auf der Bank – und Müller allzu oft in der Nähe.
Als er gegen Freiburg bis kurz vor Schluss schmoren musste, postete seine Frau auf Instagram ein Bild von seiner Einwechslung mit den Worten: „Mehr als 70 Minuten, bis der Trainer mal einen Geistesblitz hat.“
Sowas geht natürlich nicht. Nach dem Schlusspfiff fielen die Journalisten über Müller her, der keine Ahnung hatte von der Schützenhilfe seiner Lisa. Er überlegte kurz, dann sagte er: „Was soll ich machen? Sie liebt mich halt.“
So sind sie, die Wortführer. Man fängt sie nicht so schnell ein. Aber sie sind auch nicht zum Kuscheln da.