Wer sich "Irish" oder "Caipi" wünscht, denkt automatisch – an Sigi! Mit Irish Coffee und dem brasilianischen Kultgetränk "Caipirinha" eroberte Siegfried Späth die Weltbühne der Barkeeper. In Deutschland gehörte der Wahl-Offenburger neben dem Münchner Charles Schumann zu den Gesichtern seines Fachs. Vor wenigen Tagen ist er mit 87 Jahren gestorben.
"Gemma no zum Sigi?" – Diese Frage stellten sich rund um Offenburg seit den 1970er-Jahren mindestens drei Generationen. Und zwar immer dann, wenn's darum ging, nach einem Fest oder einer Veranstaltung den Heimweg anzutreten oder einen Absacker im "Scotch Club" und später im "Hemingway" zu nehmen.
Denn dort gab's immer noch was – und stets vom Feinsten. Späth, als Schwabe ein Schaffer vor dem Herrn, lebte das 24/7, lange bevor der Begriff des Dauerleisters in der Businesswelt Einzug erhielt.
Aber auch er teilte das Schicksal des Propheten im eigenen Land. Die überragende Qualität und Vielfalt seiner Drinks wurde oft als selbstverständlich betrachtet, statt sie gebührend zu goutieren. Doch das war nur ein Randaspekt seiner Karriere, die der eines amerikanischen Tellerwäschers glich.
Geboren in Gschwend auf der Ostalb, wuchs Späth als eines von zehn Kindern in Heidenheim auf. Vier Brüder kehrten nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Jung-Siegfried wollte Koch werden. Als nichts ging, brachte ihn Vater Karl dank der Beziehungen seines Freundes, des späteren IG-Metall-Chefs Loderer, beim Turbinenbauer Voith unter.
Doch Sigi wollte in die weite Welt. 1957 startete er als 18-Jähriger mit dem Schiff nach Kanada. Unterwegs brach die asiatische Grippe aus. Späth begann seinen Traum auf der Isolierstation einer Klinik. Es folgten viele Jahre in den USA auf dem Schiff, wo er sich die Kunst des Mixens aneignete. Durch Beobachtung: "Ich habe jahrelang den anderen über die Schulter geschaut und mir alles gemerkt."
1960 heiratete er die Mexikanerin Elidia, mit der er vier Kinder hatte: Pedro, genannt "Pit", Lilian, Maria del Rocio und Siegfried jr. Die Familie siedelte 1968 nach Deutschland um, Späth begann als Barkeeper im Freiburger Nobelhotel "Colombi". Danach folgte der "Palmengarten" in Offenburg, ehe er sich 1976 mit dem "Scotch Club" selbstständig machte. Parallel betrieb er zeitweise den "Habana Club" in Freiburg sowie den "Scotch Club" in Baden-Baden.
Er profitierte enorm vom Promi-Zulauf durch TV-Produktionen, die Senator Franz Burda nach Offenburg holte. Die Granden aus Politik, Showbiz und Sport gaben sich die Klinke in die Hand. Späths Gästeliste reichte von Helmut Schmidt, Willy Brandt und Franz-Joseph Strauß über Franz Beckenbauer, Max Schmeling, Steffi Graf bis zu Simon Schobel, der in den glorreichen Zeiten des TuS Hofweier viele Handballer mitbrachte.
Weltmeister Erhard Wunderlich pflegte sein leeres Glas auf einem Holzbalken in über zwei Meter Höhe abzustellen, sodass Späth beim Aufräumen eine Leiter benötigte. Das nahm er gerne in Kauf, gingen ihm doch Komplimente der Prominenz runter wie Öl. Inge Meysel sagte mal: "Ich wünschte, ich könnte so gut schauspielern, wie er Cocktails mixen."
Die Rock-Band Deep Purple bediente er ebenso wie Peter Alexander, Udo Jürgens oder die "Les Humphries Singers". Die machten sich eines Nachts vom Acker, ohne eine Flasche Ballantine's Whisky zu zahlen. Späth verfolgte am frühen Morgen mit der Polizei den vom Hotel abgefahrenen Bus. An der Grabenallee kam es zum Showdown. Der Bus wurde gestoppt, zwei Täter überführt. Einer soll Jürgen Drews gewesen sein. Sie beglichen die offene Rechnung von 80 Mark. Späth kannte kein Pardon: "Zeche prellen – nicht mit mir!"
Nachzulesen sind solche Anekdoten im Buch "Mein Leben mit Promis und Cocktails", das er 2021 mit dem OT-Journalisten Klaus Krüger schrieb.
Die Theke war nicht der Horizont im Leben des Sigi Späth. Dahinter ging es weiter. Weltweit hat er an vielen Meisterschaften teilgenommen und Pokale gewonnen. 25 Barkeeper hat er ausgebildet. "Alle kamen in Lohn und Brot." Vier Fachbücher mit Rezepten entstammen seiner Feder – und er gehörte zu den Pionieren des Squash in Offenburg. Sein Credo lautete: "Ich war deshalb so erfolgreich, weil ich nie geraucht und nie selbst Alkohol getrunken habe."
Stattdessen pflegte er die größte Whisky-Sammlung Deutschlands, leitete bis ins hohe Alter Whisky-Seminare, und sein Rat war sogar in Kasachstan gefragt, wo er eine Bar einrichtete. In den letzten Jahren war seine Gesundheit nach einer Corona-Infektion stark angeschlagen.
Zurückgezogen feierte Sigi Späth am 30. August seinen 87. Geburtstag. Er wünschte sich, dass ich ihn nach Baden-Baden bringe. Dort traf er im "Rizzi" seinen Kollegen Erich Bauernfeind, der 15 Jahre lang Barkeeper im Nobelhotel "Bühler Höhe" war. Er kam im Rollstuhl. Die beiden tauschten Erinnerungen und Fotos aus, als gebe es kein Morgen. So war es dann leider auch.