"Klopp bringt alles mit!"

"Klopp bringt alles mit!"

Julian Nagelsmann ist als Bundestrainer zurückgetreten. Die richtige Entscheidung?

Ein klares Ja nach dieser enttäuschenden WM. Er hatte lange genug Zeit, eine Mannschaft zu formen und eine Spielphilosophie zu finden. Da fehlt brutal viel. Nagelsmann hatte nicht die Lebenserfahrung für diesen Job. Das zweite Problem war die Kommunikation nach außen.

Dabei ist er einer, der gut und gerne redet.

Er hört sich selbst gerne reden. Die Nationalmannschaft ist des Deutschen liebstes Kind im Sport und insofern eine wahnsinnig große Aufgabe. Nagelsmann ist ein guter Trainer, aber diese Aufgabe kam zu früh. Aber auch die Verantwortlichen vom DFB sind im Boot. Und einen großen Teil der Schuld gebe ich den Spielern. Viele habe ihr Potenzial nicht auf den Platz gebracht.

Das läuft bei anderen Ländern anders.

Die Stars dieser WM wie Kane, Mbappé, Olise oder Dembélé spielen mit einer Inbrunst für ihr Land, die unseren Spielern gefehlt hat. Was den deutschen Fußball immer stark gemacht hat, war kampfbetontes Spiel. Diese Robustheit habe ich viel zu wenig gesehen.

Wo ging das verloren?

Man hat schon in der Löw-Ära Fehler gemacht. Die Truppe von damals war am Ausbluten. Dann hat man Spieler auf Positionen eingesetzt, die sie in ihren Vereinen nicht besetzen. Wie Kimmich, der beim FC Bayern auf der Sechs spielt, in der Nationalelf aber rechts verteidigt, weil wir sonst keinen haben. Deutschland hat alles, um ein gutes, schlagkräftiges Team auf die Beine zu stellen. Es kommt darauf an, wie man aufstellt. Es hätte andere Optionen gegeben. El Mala etwa, der in Köln elf Tore schießt und ein frecher Flügelspieler ist, mit viel Tempo. Oder Bis­seck als Innenverteidiger und Schade in der Offensive.

Der Teamgeist wurde ständig propagiert. Als es darauf ankam, war es eine träge, einfallslose Ansammlung von Spielern.

Sie spielten wie gelähmt, mit sehr wenig Selbstvertrauen und haben sich ergeben. Der Mannschaft fehlte das Leben. Ich habe keinen Anführer erkannt. Anspruch und Realität liegen zu weit auseinander. Wir sind Mittelmaß!

Jetzt wird mehr denn je die Mentalitätsfrage gestellt. Handball-Manager Bob Hanning schreibt in der „Welt“: Die Nationalelf 2026 ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft: satt, träge und selbstgerecht. Weniger leisten, mehr bekommen ist die Maxime. Gehen Sie mit?

Auch in Gesellschaft und Politik liegt vieles im Argen. Unser Land hat seine DNA verloren. Wenn man sagt, man ist stolz, Deutscher zu sein, wird man schon in eine rechte Ecke geschoben. Das muss man aber sagen dürfen, wenn man als Nationalspieler seine Farben verteidigt. Wir sind eine Wegduck-Gesellschaft geworden. Wir waren früher diejenigen, die das Boot navigiert haben, mittlerweile habe ich das Gefühl, wir sind nur noch Beifahrer. Im Fußball ist es auch so. Wir lassen uns das Spiel der anderen aufzwingen. Dabei sollte sich der Gegner nach unserer Spielweise richten. Das ist verloren gegangen. Seit drei Weltmeisterschaften müssen wir froh sein, ein Sechzehntelfinale zu erreichen. Und das in einer Gruppe, wo alle drei, die weiterkamen, jetzt raus sind.

Was muss sich ändern?

Es funktioniert nur, wenn wir wieder auf Grundtugenden zurückgreifen. Zuerst muss man Fußball arbeiten.

Es gab wohl Eifersüchteleien unter den Spielern wegen Flügen und Unterkünften für Angehörige. Geht nicht die Spannung verloren, wenn man nach einer Niederlage mit Frau und Kindern ins Quartier zurückfliegt und danach einen Familientag plant. Wie war das 1994 bei der USA-WM, an der Sie teilgenommen haben?

Ich war allein. Aber als die Spielerfrauen mit den Kindern kamen, änderte sich was. Das lenkt ab. Wenn die Frau unzufrieden ist oder das Kind krank wird, machst du dir Sorgen, und es fehlen ein paar Prozent.

Was lernen wir aus der dritten WM-Blamage in Folge? Muss auch die Philosophie der Nachwuchsförderung überdacht werden?

Die Frage ist: Wie viele Spielanteile bekommen die jungen Spieler in der Bundesliga? Wir müssen zu dem Fußball zurück, der uns stark gemacht hat. Stefan Kuntz ist zweimal U21-Europameister geworden. Aber Robustheit und Überzeugung muss man sich erarbeiten. Die Gegner haben keine Angst mehr vor uns.

Ist Jürgen Klopp der richtige Bundestrainer?

Er bringt alles mit. Er hat in Mainz, Dortmund und Liverpool Mannschaften geformt, er hat Spieler besser gemacht. Bei Nagelsmann war das nicht so. Bei den Franzosen habe ich das Gefühl, dass die Spieler in der Nationalelf noch eine Schippe drauflegen. Ich habe Mbappé bei Real Madrid nie so frei aufspielen sehen. Bei uns sehe ich einen Hemmschuh.

Wie gefällt Ihnen die WM bislang?

Grandios finde ich die Stadien und die Vielfalt, ohne dass man Theater auf der Straße beobachtet. Man sieht, dass man miteinander kann. Man muss es nur wollen.

Hat Frankreich am 19. Juli einen Termin in New York?

Ja. Die Franzosen haben die beste Mannschaft in diesem Turnier.

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