Sonntag, 5. Februar 1978: Kein Tag wie jeder andere, erst recht nicht in der Ortenau, mit den vielen närrischen Hochburgen. Es ist Fasentsonntag. Überall Umzüge. Doch ab 15.30 Uhr sind viele Straßen wie leergefegt, die Leute wollen nur noch heim, vor die Flimmerkiste. Im ZDF beginnt die Übertragung des Finales der Handball-WM. In der Halle 7000 Zuschauer, auf dem Spielfeld die Nationalteams von Deutschland und Russland. Mittendrin zwei waschechte Ortenauer: Arno Ehret und Arnulf Meffle, Seelbacher Junge der eine, 1953 in Lahr geboren und lange Zeit Fußballer, vier Jahre jünger und aus Langhurst stammend der andere. Mit dem Abpfiff ging für die jungen Sportler ein Traum in Erfüllung: Weltmeister!
Manch einer, der diese Woche dem vom Offenburger Sportjournalisten Thomas Kastler, Mittelbadische Presse, initiierten Handball-Talk im Hilzinger-Center in Sand beiwohnte, hatte feuchte Augen, übermannt von der Erinnerung an dieses Ereignis und andere Episoden rund um jene Sportart, in der drei regionale Vereine als Bundesligisten Sportgeschichte geschrieben haben: die aus Hofweier, Schutterwald und Willstätt.
Kastler, 69 und Jahrzehnte mit engem Ballkontakt, hat viele Sportereignisse miterlebt und darüber berichtet. Beim ersten Corona-Lockdown 2020 erlebte er berufliche Leere. Am Ostermontag fragte er sich, wie es beruflich weitergehen könne. Als gläubiger Christ habe er sich an Gott gewandt. Am nächsten Morgen die glorreiche Idee, die fesselndsten Sportgeschichten aus dem Berufsleben zusammenzustellen, neu zu schreiben, stets um lokale Protagonisten herum – und sie hier und da auch live zu erzählen. Es durfte, ja, es sollte auch menscheln.
Das Wunder vom Wildpark
Und das tut es in seinem 2024 erschienenen Buch "Blut am Saxophon" zuhauf. 14 süffige Kapitel. Darunter jenes über das 7:1 des KSC vom 2. November 1993, mit dem vierfachen Torschützen Eddy Schmitt und dem aus Kehl stammenden Rainer Schütterle. Das Spiel wurde später sogar als Wunder vom Wildpark geadelt. Erfrischend auch das Kapitel "Die Klitschkos in der Stadt", das sogar zum Titel des Buches führte. Thomas Berger, Chef der Stadtkapelle Offenburg, brachte 1998 Wladimir Klitschko, dem Muskelpaket aus der Ukraine, das Saxophon-Abc bei. Anlass war der erste Profi-Boxkampf in Offenburg, eingefädelt hatte das Treffen Thomas Kastler: "Ich hatte eine Notiz in der Bunten gelesen, dass Wladimir mal gerne Saxophon spielen würde." Beim "krampfhaften Versuch, dem Instrument die gewünschten Töne zu entlocken, biss dieser allerdings so kräftig ins Mundstück, dass er sich an der Lippe verletzte". Berger grinste: "Ich habe was, das keiner hat: das Blut von Wladimir Klitschko."
Speerwerferin Christina Obergföll aus Mahlberg, Wurfkollege Johannes Vetter, einige Jahre Stadtrat von Offenburg, Urloffens Ringer Martin Knosp, die Kicker Sascha Riether, Martin Wagner und Oliver Schäfer: Auch diese Lokalmatadoren verewigte Kastler im Buch – beim Talk rückte der Handball in den Fokus, erst recht mit Arno Ehret, den vielleicht populärsten Handballer, den die Ortenau je hervorgebracht hat. Riesig aber auch die Erfolge, ob als Spieler und Trainer beim TuS Hofweier und TuS Schutterwald, ob als deutscher und Schweizer Chefcoach. Er verhehlte nicht, dass die Trainingsmethoden von Leuten wie Vlado Stenzel recht rustikal waren. Aufbegehren? Fehlanzeige: "Wir haben uns nicht getraut." Armin Emrich wies allerdings auch auf dessen große Kunst hin: "Er konnte die Konkurrenz unter den Spielern herauskitzeln."
Spannung, Authentizität und Lebendigkeit
Groß an dem Abend auch die Wertschätzung für ihn: Der gebürtige Bad Kreuznacher spielte ebenfalls für Hofweier, erlangte dann in Schutterwald Kultstatus als Trainer, auch er mit weiteren Top-Erfolgen an der Seitenlinie mit deutschen und Schweizer Nationalteams. Was natürlich auch für Martin Heuberger gilt, den einstigen Torwart, späteren Kreisläufer und Diplom-Verwaltungswirt, der dreimal die deutschen Junioren zu Weltmeistern machte.
Spannung, Authentizität, Lebendigkeit: Beim Talk war alles dabei – fast. Nur nicht der legendäre, zumal zu Hofweiers Bundesligazeiten gerne geschmetterte Schlachtruf: "Hebe sie!" Worauf sich jetzt alle freuen: die Handball-WM 2027 in Deutschland.